2011 Königsforst-Marathon

geschrieben August 2011

Ein Tag im März, ein Samstag. Genau genommen der der 26. März 2011. Der Tag an dem ich endlich mal wieder beweisen wollte, wie bescheuert ich bin. Der Tag, an dem ich mir endlich wieder zeige wollte, dass auch endlose Alltags-Mühen mich nicht klein kriegen können. Ein Tag, an dem ich ES noch einmal wissen wollte, wissen musste. An dem ich es wissen wollen musste.

Seit dem UTMB 2009 also seit 575 Tagen, habe ich nicht mehr Trainiert, denn meine Lebenssituation hat es nicht mehr zu gelassen. Ok, im April 2010 bin ich den Fishy gelaufen (18km). Aber die kleinen Zeitfenster die ich hatte, habe ich für ein paar Minuten Glück am Tag genutzt. So bin ich z.B. regelmäßig mit dem Rad zur Arbeit gefahren, 10km morgens ruhig und nachmittags immer voll am Limit. Und manchmal, wenn es ging, einen schnellen 5km Lauf eingeschoben. Leider ging auch das höchstens alle zwei Wochen einmal.

Aber dieses WE habe ich frei. Und ich habe in den Jahren der Vorbereitung auf den UTMB wirklich gelernt mit Geduld zu Laufen, Schmerzen zu ertragen, die innere Klappe zu halten und einfach weiter zu machen. Und diesen Samstag ist der Königsforst-Marathon. Die Strecke geht über zwei Runden, so dass ich mich auch während des Rennens auf Halbmarathon um entscheiden kann. Aber ich will es ja wissen, also habe ich mich für den echten Angemeldet.

Start. Wie in alten Zeiten. Ich fühle mich sofort wieder in meinem Element. 1000 mal gemacht. Die ersten Kilometer tun mir unendlich gut. Ich bin wieder Läufer, ich bin wieder da, ich darf endlich wieder richtig laufen, ich bin glücklich!

Bis Kilometer zehn läuft alles wie früher, dann wird es langsam einsam um mich. Ich spüre meine Beine, meine Knie und merke, wie schwer es werden wird. Bei Kilometer 15 fangen die Rückenschmerzen an und ich bin sehr froh, dass ich bis hierher überhaupt durch gehalten habe. Auch die ersten Gehpausen lassen sich nicht mehr vermeiden. Wenn man so eine Zeit aus der Laufszene draußen ist, dann kennt man irgendwie keinen mehr. Die paar Gesichter, die hier am Ende des Feldes noch um mich sind, habe ich alle nie gesehen. Und es wird auch langsam kühl, der März ist noch nicht wirklich Frühling.

Bei Kilometer 19 muss ich eine Entscheidung treffen: ein schöner Tag mit einem schönen Halbmarathon, wenn ich jetzt aufhöre. Ich würde eine Medaille bekommen und könnte den Lauf in guter Erinnerung behalten. Die Alternative dazu ist: weiter machen. Das bedeutet es wird spät, ich werde wahrscheinlich aufgeben müssen und so langsam werden, dass ich erbärmlich friere. Ich werde mich erkälten und furchtbare Schmerzen haben. Aber ich bin nicht hier, um einen schönen Tag zu haben. Ich bin hier um raus zu finden, wer ich bin und wo meine Grenzen aktuell liegen. Und wenn ich nicht riskiere zu weit zu gehen, werde ich nie erfahren, wie weit ich gehen könnte.

Also futtere ich rechtzeitig vor der Hälfte einen leckeren Riegel (nach anderthalb Jahren Abstinenz schmecke die wieder) und ziehe meinen MP3-Player auf. Frische Kohlenhydrate im Blut und Techno auf den Ohren komme ich also im Start-Ziel-Bereich an und laufe mit einem energischen Lächeln durch.
Kaum liegt der Trubel hinter mir, wird mir klar wie alleine ich in den kommenden Stunden sein werde. Alle Halbmarathonis sind fertig und fast alle Marathonis weit vor mir. Die Gehpausen werden immer länger. Meine Oberschenkel fangen an zu krampfen und verhärten immer mehr. Irgendwann kurz vor Km 30 ist es dann so weit: ich muss anhalten und versuchen zu dehnen. Ich bin völlig erschöpft und kann nicht mehr auf einem Bein stehen und das andere an den Po ziehen. Ich muss mich auf den Weg setzten. Allein zum hinsetzen brauche ich sicher eine Minute denn es geht nur noch im Zeitlupen-Tempo.

Nach etwa fünf Minuten versuche ich wieder auf die Beine zu kommen und brauche auch dafür eine ganze Weile. Grade in dem Moment kommt Jörg Segger vorbei und baut mich ein bisschen auf. Das hat gut getan und ich schleiche frierend weiter. Irgendwann habe ich die Km 30 hinter mir und langsam die Hoffnung, dass ich es noch im Zeitlimit von fünf Stunden schaffen kann. Immer wieder rechne ich aus, wie lange ich noch habe und wie lange ich noch brauche. Ich kann auch unter sehr großen Schmerzen fast 5km/h wandern. Also kalkuliere ich die ganze Zeit, wie viele Km ich meine Beine noch quälen muss, bis ich es auch mit marschieren schaffe.

Es wird möglich, ich kann es schaffen. Ich kann ankommen. Ich kann noch unter fünf Stunden ankommen. Ich werde heute noch mal Marathoni werden. Ich gehöre noch immer nicht zum alten Eisen. Ich bin noch da. Solche Selbstbeschwörungen wechseln sich mit immer längeren Pausen, aber die Hoffnung wird langsam zur Gewissheit und endlich komme ich dem Ziel näher. Ich erinnere mich daran, wie ich vor drei Jahren an dieser Stelle gerannt bin: am äußersten Limit und voller Kraft und Energie. Jetzt trabe ich krumm und hinkend, aber genau so stolz, die letzten 1000m.

Fazit Ja, es ist spät geworden. Fast eine Stunde langsamer als 2008. Aber ich habe es geschafft. 4:35:17 Ich weiß es jetzt wieder, wie Beine weh tun können, wie alles schmerzen kann, wie es ist ein Marathon-Läufer zu sein.