2014 Bärenfelslauf

geschrieben Juli 2014

 

Kompromisse, Plan B, Sicherungs-Stufen, Ausweich-Lösungen: ich bin soooo vernünftig geworden. Rückblick auf 2008: als ich für meinen ersten 100-Meilen-Lauf um Urlaub gebeten habe, hat mich mein Chef gefragt, was ich mache, wenn er ablehnt: ich habe grade raus gesagt, dass ich dann kündige. Und habe ihm dann erklärt, dass man zu solchen Abenteuern gar nicht erst starten braucht, wenn man in seinem Kopf Kompromisse zu lässt. Das war 2008. Und das war 2009, zum UTMB, genau so. Seitdem hat sich mein Leben verändert, ich habe mich verändert.

Heute starte ich zum Bärenfelslauf im Hunsrück. Es gibt drei Runden mit je gut 21 km und 700 Höhenmetern. Wer auf die ganze Strecke gemeldet ist, kann sich nach jeder Runde neu entscheiden: weiter machen oder als Halb-Marathon, bzw. Marathon finischen. Kompromisse. B-Pläne.
 

Ok, 3:30 aufstehen, zum Markus fahren, Kaffee trinken los. Ich hatte mir letzte Woche beim Waschmaschinen schleppen den Rücken verknackst: argh. Schwimmen und Wandern war angenehm, vorsichtiges Laufen möglich. Am schmerzhaftesten ist sitzen, aber das will ich ja eigentlich nicht. Trotzdem musst Markus, auf den 200km Hinfahrt eine Pause einlegen, weil mir das Autofahren zu sehr im Rücken weh getan hat. Brrr. Deshalb will ich die Strecke ja laufen und nicht fahren.

7:30 auf einer kleinen Waldwiese sind drei Zelt-Pavillons aufgebaut: Nachmeldung, Start/Ziel, Kaffee. Es ist nass, sehr nass, der Wald dampft jetzt schon. Ich erinnere mich daran, dass ich hier, bei diesem Lauf NICHT in die ersten Startreihen gehöre! Ich stelle mich nach ganz weit hinten in das Feld von gut 200 Läufern und trabe dann gemütlich los.


Markus und ich am Start

Schon nach 2 km wird mir in der schwülen Hitze viel zu warm und ich ziehe das lange Oberteil aus und hole das T-Shirt aus dem Rucksack. Es sind etwas über 20°C und gefühlte 90% Luftfeuchtigkeit. Wind = Null, die Luft steht im Wald. Als erstes fällt mir auf, dass die Strecke perfekt markiert und ausgeschildert ist: jeder Abzweig ist mit Band versehen und jeder einzelne Kilometer ausgeschildert. Da ich mir nicht sicher bin, wie viele Runden ich heute schaffe, mache ich gleich in der ersten viele Bilder von der Strecke: Plan-B, Du weißt schon.

Ich treffe Hans aus Holland, der heuer sein letztes Training vor einem Ultra in Namibia läuft und wir kommen ins Plaudern. Er ist nicht nur deutlich größer als ich sondern auch ein stück schneller: er zieht mich. Er erzählt von geilen Triathlons in Norwegischen Fjorden und den Pyrenäen. Irgendwann muss ich das mal machen... Es gibt auf jeder Runde drei Verpflegungspunkte: am Bärenkopf (km 6), bei km 12 und 16. Und dann komm km 18 .... und dann sind wir wieder an der Start-Wiese (ca 2h30). Die Schilder 19 und 20 habe ich irgendwie übersehen.


Einer der tollen VPs

Ok, einer geht noch. Eine Runde schaffe ich sicher noch. Und weiter geht's auf ein neues. Hans und ich erzählen weiter und ich stelle erfreut fest, dass ein einmal geschaffter UTMB immer noch Respekt einflösst. Ich bin schon wie ein Opa, der immer noch von Olympia anno dunnemals erzählt. brr. Gut dass heute heute ist. Die Sonne kommt raus und es wird noch wärmer. Die Kilometer werden länger. Dazu fängt Hans an, wirre Ding zu reden: er fragt mich tatsächlich, ob wir ein gemeinsames Finish unter acht Stunden schaffen! Uff, ähm: ich muss mal pinkeln, lauf schon mal vor, und: viel Glück in Namibia!

Schlagartig ist es sehr einsam um mich herum. Ich laufe ganz alleine durch den Hunsrück, oder besser gesagt: ich gehe, wandere, marschiere. Hans war wohl doch zu stark für mich, ich bin ziemlich platt. Also greife ich in den Ultraläufer-Werkzeugkasten und hole die bewährten Mittel raus: Tempo runter, mehr wandern, weniger laufen, längere Pausen, mehr essen, mehr trinken.


Wieder and der Start/Ziel-Wiese

Ich mache so langsam wie möglich, damit ich bis zur Wiese wieder so fit bin, dass ich mich noch zur dritten Runde überreden kann. Heute darf ich laufen, solange ich will: ich muss gar nichts. Aber ich kann, wenn ich denn will. Kilometer-Schild 18 kommt - und dann irgendwann bin ich wieder unten, an der Start/Ziel-Wiese. Die 19 und 20 habe ich wohl wieder übersehen. Oder nehme ich hier aus versehen eine Abkürzung?

Erst mal setzen. Die zweite Runde war für mich sehr hart: meine längste Strecke seit dem UTMB vor fünf Jahren. Und dieses Jahr erst ein mal 42 km und fünf mal über 20 km gelaufen. Meine Oberschenkel sind fertig, meine Knie melden die bekannten Beschwerden, ich bin müde und erschöpft. Warum soll ich da noch eine dritte Runde dran hängen?


Wenn das Shirt scheuert: einfach umdrehen!

Aber mein Plan hat funktioniert: die zweite Hälfte der zweiten Runde habe ich mich genug erholt, um mich jetzt noch einmal auf zu raffen. Ich schaffe es: ich stehe tatsächlich auf und bewege mich weiter. Runde drei, auf gehts.

 

Es ist immer noch niemand auf der Strecke: seit Hans davon gezogen ist, habe ich außer an den Verpflegungstellen niemand mehr gesehen. Die Anstiege werden steiler, die Gefälle schwerer, die Graden länger. Aber ich habe noch ewig Zeit und so langsam kommt in meinem Kopf der Gedanke auf, dass ich ein Finish unter neun Stunden schaffen könnte. Der in den letzten Jahren start geförderte und gewachsene Sprinter in mir gewinnt Oberhand. Ich rechne, ich checke meine Uhr: wie viele Minuten will ich für den nächsten Kilometer brauchen? Ich will das Schild Km XX sehen, bevor die Uhr YY zeigt. Hart, ganz hart, aber möglich. Bei jedem Km rechne ich: wenn ich ab hier nur noch wandern kann, komme ich in 9:15 an, wenn ich ab hier wandern muss komme ich in 9:05 an, und so weiter. 


Ich bin unterwegs!

Endlich, das Schild KM 18 kommt, von dem ich inzwischen sicher bin, dass es das letzte ist. Noch einmal über dieses wunderbare Hochmoor, noch einmal durch dieses idyllische Waldstück, noch einmal dieses romantische Tal entlang: dann bin ich unten und im Ziel. ARGH. Alles Aua. Markus wartet auf mich und begrüßt und beglückwünscht mich. Und er fährt mich sogar nach hause: solche Freunde braucht man! Auf der Rückfahrt mussten wir noch mal Pause machen, weil meine Bandscheibe weh tat: das Sitzen im Auto ist gar nicht gut für mich, ich bin ein Läufer, ein Ultra-Marathon-Läufer!

Fazit:
Bärenfels ist wunderbar! Sehr liebevolle Veranstaltung, herrliche Wege, tolle Landschaft, gerne wieder!