2013 Eulenkopf-Silvester-Marathon

geschrieben Dezember 2013

Ein hässlicher, grauer Dezember-Morgen. Es ist früh und die riesige Müllfabrik, die mit ihren abweisenden Mauern über dem engen Tal thront, lässt hier unten alles noch grauer und trüber erscheinen. Es regnet und der Boden ist braun und matschig. Ich stehe am Eingang eines kleinen Freibades im 60er-Jahre-Stil und ich fühle mich unsicher und ängstlich.
Die letzten vier Jahre, seit dem UTMB 2009, hatte ich zu wenig Zeit zum trainieren, zumindest für die von mir einst so geliebten Ultras. Deshalb habe ich versucht, statt dessen wenigstens schnell zu werden. Ich habe versucht, die fünf km unter 20 min zu schaffen. Aber auch das hat nicht geklappt: ich war immer zu langsam, habe dieses Ziel nie erreicht, konnte mich nicht genug überwinden, bin daran gescheitert.
Ja, es ist schön, schnell zu sein, aber ich bin nie schnell genug für meine Erwartungen gewesen. Deshalb habe ich die kurzen schnellen wieder aufgegeben, gescheitert, versagt.

 

Im Herbst bin ich dann mal wieder den Monte-Sophie gelaufen und habe die 28km sooo genossen! Es war wunderbar (und mit 2:30 auch neue PB beim Monte-Sophie für mich). Und jetzt kommt die nächste Wendung in meinem Leben: demächst muss ich noch mehr arbeiten, werde noch weniger Zeit zum laufen haben, werde noch langsamer werden, schwächer, älter und noch weiter von meinen eigenen Ansprüchen entfernt. Jetzt geht’s immer weiter bergab, bis zum Tod. Ich bin 42 und ich habe so vieles nicht erreicht, so viele Ziele endgültig verfehlt. Alles scheiße, ich bin depressiv. Dezember halt.

 

Aber ich stehe nicht hier, weil ich depressiv bin; ich stehe hier, weil ich es noch einmal wissen will. Ich bin hier, weil ich heute, vielleicht zum letzten mal vor dem langen, traurigen Ende, noch ein mal Marathoni werden will. Es ist der Eulenkopf-Marathon kurz vor Silvester, wie vor 6 Jahren. Und ich bin hier, um mir zu beweisen, dass ich noch nicht zum „Alten Eisen“ gehöre. Nicht heute.

 

Also stehe ich im Regen, im Schatten der Fabrik am Start. Regen? Es hat grade aufgehört zu regnen, tatsächlich, während der Startansprache, die leider nicht zu verstehen war. Für diejenigen, die's nicht wissen: der Eulenkopf-Lauf ist ein Gruppenlauf ohne Wettkampf über die Marathon-Distanz mit 960Hm, den wir in fünf Stunden machen wollen. In der Ausschreibung stand als Vorraussetzung eine aktuelle Marathon-Bestzeit von mindestens 4:30. Ok, sehen wir den Tatsachen ins Auge: ich bin wesentlich zu langsam und viel zu schlecht trainiert. Mein längstes Lauftraining in den letzten Jahren waren um die 30km. ABER: ich weiß, dass ich zäh bin, dass ich leiden kann. Und ich glaube, dass ein Lauf wie der UTMB nicht nur irreversible Schäden verursachen kann. Wer den so geschafft hat wie ich, der hat auch eine irreversible Fähigkeit: Laufen. Los jetzt.

 


Nachdenklich am Start

Der Weg führt über eine alte Bahntrasse sanft bergab und das Laufen macht Spaß. Da ich mir diese Distanz im Gelände nicht in meinen geliebten Leguanos, die ich sonst immer zum Laufen anziehe, zugetraut habe, trage ich heute erstmalig meine Neuen Puma Faas100. Hansi Köhler von Greif.de hat mir diese Schuhe empfohlen und meine Füße fühlen sich, wie in einem Himmel-Bett: weich, warm, sanft und geborgen. Ganz anders als mit den Leguanos, wo der Boden viel direkter durchkommt. Trotzdem erlauben die Pumas, dank Null Sprengung und minimalster Dämpfung lockeres Vorfuß-Laufen. Ich bin begeistert, bis ich angesprochen werde, dass ich doch für so einen Lauf arg wenig Schuh anhätte. Brr, das war ein Dämpfer. Aber dann sehe ich sogar jemand, der in FiveFingers unterwegs ist. Geht also doch. Und für mich kommt es auf meine Füße an und die fühlen sich super: Danke Hansi!

 

Die ersten 10km vergehen leicht und schon kommt eine Verpflegungsstelle. Sonst esse und trinke ich nie unterwegs (klar, bis 30km lohnt sich das nicht), aber hier genieße ich warmen Zitronen-Tee, Schokolde und Gummibären: prima, weiter so.

 

Auch die nächsten 10km bleiben leicht, es geht schön wellig durch die Lande und das Tempo ist soooo langsam. Klar: 6:30, bzw 5h Zielzeit. Meine Beine sind Schnelleres gewohnt und langweilen sich fast, so kommen wir zur zweiten Verpflegungstelle, die genau so lecker schmeckt. Hier treffe ich auch Norbert Hoffmann, der mit seinen 74 Jahren noch unter 10h für die 100km braucht! Hammer, Respekt! Ich bleibe für ein paar Kilometer bei ihm und unterhalte mich mit ihm. Er gibt mir so viel Hoffnung, dass mein Läufer-Leben in ein paar Jahren, wenn ich wieder mehr Zeit habe, ganz sicher weiter gehen wird. Er ist der Beweis, dass mit 42 nicht alles vorbei ist. Ich fühle mich in seiner Gegenwart so Jung, wie lange nicht mehr.

 


Mit Norbert Hoffmann fühle ich mich jung

Bis jetzt ging's gefühlt fast nur bergab aber so ab km 30, dem 3.ten VP an einem zugigen Bauernhof, wird es langsam ernst. Meine Beine sind doch müde, die Berge werden steiler. Und dann kommt bei km36 ein richtig harter Abstieg, der meine Knie sehr mit nimmt. Aua. Wie habe ich den UTMB bloß geschafft?
Und danach kommt der richtige, der lange, der harte Aufstieg. Aber ich bin bis hierher mit gelaufen ohne mich abhängen zu lassen, da werde ich doch jetzt nicht schlapp machen? Zwei vom Veranstaltungs-Team, erkennbar an ihren roten Zipfelmützen traben vor mir. Ich habe sie auf den letzten paar km schon das eine oder andere mal nach den Rest-Km gefragt und jetzt sagen sie mir zwei Dinge: erstens sind es nur noch drei Km, also eine kleine Runde um den Baggersee. Und zweitens ist der kommende Berg so lang und steil, da wäre gehen keine Schande. Allerdings laufen sie ungerührt weiter. Ich bleibe dran, will nicht aufgeben. Rote Zipfelmütze vor mir, Zielpunkt.
Ja, ich kann mich quälen! Wer auf fünf Kilometern bestzeit laufen will, der muss in ganz anderen Pulsregionen klar kommen. Ich habe dabei gelernt, so was von an-aerob zu laufen: wer braucht schon Luft? Ich keuche wie beim härtesten Sprint, laufe weiter, komme hoch, bin da: 5:05!
Ich setze mich auf den Boden und bin total kaputt aber glücklich, denn ich bin immer noch Marathoni.

 


Prost! (Eistee!)

Fazit: ich bin zwar nicht mehr so jung, wie ich mal war, aber noch lange nicht so alt, wie ich mal sein werde!