2005 Der Brocken-Marathon

  

  

   geschrieben Oktober 2005

Der Start des Brocken-Marathon,
auch Harz-Gebirgs-Lauf genannt, ist schon morgens um 08:30 und außerdem in Wernigerode, was aus Sicht eines Kölners buchstäblich hinter den sieben Bergen (dem Harz) bei den sieben Zwergen (no Comment ;-)) liegt.
Wir sind also schon am Freitag Abend gegen 21:00 losgefahren. 20 Kilometer Stau und eine, nur in Stücken vorhandene, Autobahn haben bewirkt, daß wir knapp fünf Stunden für die 400 Kilometer gebraucht haben. Glücklicherweise waren in Wernigerode noch richtig viele Leute auf den Beinen, die uns den Weg zum Start gezeigt haben, wo wir dann unser Zelt in einer Parklücke aufgebaut haben.

Um 07:00 sind wir wieder aufgestanden und haben in der nahe gelegenen Jugendherberge erst mal ausgiebig gefrühstückt: für 3,50 pro Person ein sehr zu empfehlendes Angebot. Gut gestärkt zurück am Zelt die Frage: was ziehe ich an? Allen Erfahrungen nach ist es am Brocken kalt, regnerisch, stürmisch und nebelig. Nur dieses mal sah das Wetter ehr nach Sommer aus, und die vorhersage für den Brocken auf www.Wetter-Online.de war auch nicht schlechter. Also habe ich es gewagt und bin Kurz/Kurz gestartet, was zwar am Start noch ziemlich schattig war, sich aber als richtig erwiesen hat. Am Start haben wir auch meinen Sohn, der unbedingt mit wollte, in der absolut 100% perfekten Kinderbetreuung gelassen. Ganz im Ernst: ich könnte mit Trinkrucksack und Uhr laufen und so auf alle Verpflegungsstellen und die Zeitnahme verzichten. Der Veranstalter muss nur zwei Dinge stellen: eine markierte Strecke, und da könnte ich eine Karte nehmen und eine Kinderbetreuung, ohne die hätte ich nicht laufen können! Aber wie gesagt: hierfür war perfekt gesorgt.

So präpariert ging es pünktlich auf die Strecke durch den tiefen Bergwald. Der Harz ist schon ein ganz anderes Kaliber von Wald, als die heimischen Mittelgebirge wie Eifel und Sauerland. Es gibt tiefe Schluchten und der Fluss Ilse ist nicht vom Katasteramt geregelt, sondern rauscht über dunkles Moos auf großen Felsen an der Wegstrecke entlang. Bis Km12 ging es in gleichmäßigem Auf und Ab durch den Wald, unter anderem auch an der ersten Verpflegungsstelle vorbei. Neben den üblichen Leckereien gab es hier auch Schmalz- und Butter-Brote, sowie Schleim, der mir aber nicht so zugesagt hat.

Hinter km 12 konnte ich dann zum ersten Mal den Gipfel durch die Bäume sehen und das Foto an dieser Stelle deutet schon an, daß ich bis hier hin etwas schneller gelaufen bin, als gut für mich war.

Ab jetzt ging es richtig bergauf und mir fiel auf, daß fast alle langsamer waren als ausgerechnet ich. Das hat mich zusätzlich motiviert anstatt zur Vorsicht und Gemächlichkeit zu mahnen, und ich bin bis auf die letzten Meter oberhalb der Baumgrenze komplett gelaufen.

Dort oben war die Aussicht herrlich, es war bestes Wetter, sonnig und trocken, aber nicht zu heiß. Überhaupt war passte das Wetter perfekt zum Höhenprofil: Am Morgen im Tal ca. 12°C und mit jedem Höhenmeter, auf dem es ja eigentlich kühler werden müsste, stieg die Sonne höher, so daß ich immer optimal temperiert war. Auch auf dem Betonplattenweg bis zum Gipfel, der in der prallen Sonne lag, waren es um die 12°C und es ging eine leichte Briese.
Nach 2:23 h war ich über den Berg, jedenfalls was das Höhenprofil betraf. Ich habe noch nie ein solches Höhenprofil bewältigt, lang rauf und lang runter, sondern immer nur wellige Strecken wie Eifel- oder Rursee-Marathon und bin davon ausgegangen, daß ich das Rennen mit dem Gipfel praktisch schon in der Tasche hätte.
Weit gefehlt.


                   

  

 

Oben herrscht reger Andrang an Touristen und Besuchern, die der schöne Herbsttag auf den Brocken gelockt hatte und auch auf den ersten Km nach dem Gipfel, wo wir auf einer Asphalt-Straße bergab gelaufen sind, war mächtig was los.
Irgendwann sind wir dann aber wieder auf etwas ruhigeren Forstwegen unterwegs gewesen, aber da bahnte sich mein Leiden schon an.

Bei Km 25 hat Markus mich eingeholt, als ich an einer der Verpflegungsstände grade mit Genuss Schmalzbrote verzehrt habe und wir haben uns bis Km 33 immer wieder gegenseitig überholt. Meine Beine wurden immer schwerer, meine Knie taten weh und vor allem mein Knöchel, mit dem ich zwei Wochen vor dem Lauf umgeknickt bin, machte sich sehr schmerzhaft bemerkbar. Ich hatte das Gelenk zwar morgens noch mit Gel eingeschmiert, aber jetzt, gegen Ende, tat er trotzdem richtig böse weh.

Der Schmerz nagte an meiner Kraft und der innere Schweinehund wurde eine riesige Bestie. Ab Km 35 habe ich jedes der rot-weißen Km-Schilder herbei gesehnt und die Bäume mit den Augen danach abgesucht. Die Strecke schien endlos. Irgendwann zog Markus dann davon, Markus, den ich sonst immer weit hinter mir gelassen habe und der eigentlich weniger trainiert als ich. Ich kam mir unendlich schlapp vor. Wo bleibt nur Km 36?

Immer weiter bergauf und bergab, meistens bergab und um eine Biegung nach der Anderen: das Schild kam und kam nicht und meine Power ging zu Ende: Gehpause!
Dann endlich, ein Schild: KM 5. FÜNF? Wieso Fünf? Die Orga hatte auf den letzten fünf Km das Count-Down-Prinzip angewendet und zählte nun rückwärts, ich war also schon bei Km 37 und habe davor doch irgendwo eines der, eigentlich unübersehbaren Schilder verpasst.

Nur noch fünf Km, mein Schweinehund schrumpfte ein bisschen und ich konnte wieder im Schneckentempo laufen. Km 4 Das zieht sich ja doch noch ewig. Km 3 ich bin jetzt fast alleine auf der Strecke, niemand mehr vor oder hinter mir. Ob ich mich verlaufen habe? Nach rechts fällt der Blick jetzt schon weit hinunter in die leichten Vorhügel und ich kann nur immer wieder denken:? Oh sch..., soweit runter noch??. Km 2, also eigentlich das 40er-Schild, kommt in Sicht und ich höre hinter mir eine ganze Gruppe von fröhlich lachenden Läufern.

Verdammt, wieso sind die so gut drauf? Ich versuche mich etwas "böse" zu machen, getreu der Devise von Greif, daß etwas Aggression gut für die Leistung ist, und gebe etwas mehr Druck auf die Sohlen. Km 1, am Wegesrand steht ein Fotograf mit Kamera auf dem Stativ, das Ganze erinnert mich fatal an eine Laserpistole oder Radarfalle. Scherzhaft frage ich, ob ich denn zu schnell gewesen bin, obwohl ich ja kaum vorwärts komme. Er lacht.

Endlich, die Zielwiese, der Torbogen. Ich laufe noch mal richtig an und versuche wenigstens nicht ganz so fertig aus zu sehen, wie ich mich fühle. Markus und mein Sohn nehmen mich im Ziel entgegen und ich muss mich erst mal setzten: uff, ich habe mich schon lange nicht mehr so gequält. Fazit: ein toller Lauf, eine ganz besonders schöne Strecke, perfekte Orga, absolut super. Besonders die Urkunden sind außergewöhnlich schön!