2007 Brocken-Challenge

 

   geschrieben August 2008

Text von Markus Weissberg



Der Brocken, irgend so ein Ding im Harz, soweit reichten noch meine Kenntnisse, aber das war auch schon alles. Ein kurzes Stöbern auf der Internettseite des Veranstalters, ein Blick in den Terminkalender und die Empfehlung eines Freundes und schon war ich wieder bei etwas angemeldet, wo von ich keine Ahnung hatte was auf mich zukommen sollte: Der oder die Brocken Challenge, 84 km, 1800 HM ein Lauf für einen guten Zweck, ohne Stress, da ohne offizielle Zeitnahme, also eigentlich ein wunderbarer Trainingslauf. Bis wenige Tage vor dem Start glaubte ich auch noch selber daran.

Den ersten Schreck hatte ich schon Wochen vorher im Urlaub bekommen, als plötzlich mein Handy klingelte und ich mich mit vollem Bauch, träge und faul darüber wunderte, warum Florian es so eilig hatte sich um die Unterkunft zu kümmern. Wir hatten doch noch massig Zeit. Erst mal Urlaub machen, die Trainingspause verdauen, langsam wieder anfangen und dann mal sehen. Schlagartig wurden mir die Augen geöffnet, ich hatte mich um etwa einen Monat vertan. Es blieben mir nicht mal mehr 4 Wochen. Lange rede kurzer Sinn, am nächsten morgen, vor dem Frühstück (und wer mich kennt der weiß, dass ich das hasse) war ich mit Alex Joggen. Nicht viel, aber immerhin ein Anfang.

Nach dem Urlaub habe ich dann versucht meine subjektive völlig verlorengegangene Form langsam wieder aufzubauen. Na ja, für einen Trainingslauf müsste es schon reichen, dachte ich auch noch, als wir uns bei Florian trafen um einige Einzelheiten zu besprechen. Aber trotz dieses Treffens und einer groben Vorplanung wurde mir erst in der Woche vor dem Start klar, auf was ich mich da eingelassen hatte.

Anfahrt und übernachtung war geklärt und eingepackt hatte ich mal wieder meinen halben Sportklamottenfundus. Das auf der Hinfahrt nach Göttingen unser Auto Zicken machte und mir das auch mit leuchtendem Warnhinweis zu verstehen gab, ignorierte ich einfach und dachte nicht im Traum daran dies als schlechtes Vorzeichen zu verstehen.
Alles klappte prima, wir trafen uns in Göttingen mit den anderen Startern, bekamen unsere Unterlagen, lernten Ulf kennen, der uns Teile seines Hauses als Unterkunft zur Verfügung stellte und nisteten uns nach einer weiteren kurzen Fahrt dort mit zwölf oder dreizehn Leuten ein. Während die einen, so wie ich, noch mit dem Sortieren der Laufsachen beschäftigt waren, waren die Andren, fast alle Anderen, schon damit beschäftigt Nudeln zu kochen und Tisch zu decken. Und nur durch einen beherzten Zwischensprint waren Dagmar und ich noch in der Lage einen Rest Nudeln mit Sauce zu ergattern.

Irgendwann so gegen 23 Uhr klang dann der gemütliche Abend in großer Runde aus und alle krochen in Ihre Schlafsäcke. Ausnahmsweise war ich mal nicht nervös, schlafen konnte ich aber trotzdem kaum, Isomatte und Schlafsack sind einfach nicht meine bevorzugten Schlafutensilien. Als um 4 Uhr dann das erste Handy klingelte war ich eigentlich ganz froh aufstehen zu können. Ein kurzes Frühstück mit den anderen und ab mit den Rucksäcken ins Auto. Mir war schon am Abend vorher aufgefallen, das kaum einer so viel Krempel eingepackt hatte wie ich, aber jetzt, als ich so die Rucksäcke verglich, musste ich feststellen ich hatte definitiv die meisten Sachen mit: Den Jordanien bewährten Aldi Rucksack gefüllt mit Regenjacke, Wechselhose, Wechseloberteil, Reservesocken und Fliesjacke. Dazu das Frontpack mit den Trinkflaschen und der Verpflegung, dem Handy, dem Navi, was ich mir von einem Kollegen geliehen hatte, und diversem Kleinzeug wie Messer, Pflaster usw.

Natürlich hatte ich schon warme lange Laufsachen und meine Regenlaufjacke an, die Mütze auf dem Kopf und die Handschuhe in der Jackentasche. Zu guter Letzt war da dann noch die Plastiktüte mit meiner Nummer drauf, die zum Ziel auf den Brocken gebracht werden sollte, mit frischen Sachen zum Umziehen nach dem Duschen. Na zum Glück transportierte mein Auto die Sachen erst einmal bis zum Start nach Göttingen. Kurz vor 5:45 Uhr, den nummerierten Sack habe ich bereits abgegeben und sitze wieder mit Bernd, Yogi und Georg, die mit mir zusammen angereist sind, im warmen Auto. Die Stimmung ist ausgelassen, wir scherzen und es scheint sich jeder auf den kommenden Start zu freuen. Um uns herum werden Räder zusammengebaut, Lampen getestet, Fotos gemacht und Rucksäcke probiert. Das alles lässt sich nur, von einer einzelnen Laterne beleuchtet, erahnen. Zwischendurch erhellt immer mal wieder ein Blitzlicht die Dunkelheit, 5:50 Uhr, Zeit das warme Auto gegen den Krempel im Kofferraum zu tauschen.

Es dauert etwas bis ich den Rucksack auf habe, das Frontpack angeschnallt und mich zu den anderen gesellt habe. Das erste Gruppenfoto habe ich verpasst, aber auf dem Zweiten und dritten bin ich verewigt. Es ist schwer zu schätzen wie viele wir sind, 67 sollen gemeldet sein, einschließlich der begleitenden Radfahrer. Eine kleine Truppe, im dunkeln, unter einer einzelnen Laterne, und wir lauschen mehr oder weniger den aufmunternden Worten des Veranstalters Markus Ohlef und dem Schirmherr, einem Professor aus Göttingen. Wenn ich die Atmosphäre vergleiche mit der wummernden Musik, den wuselnden Menschen und dem hellen Scheinwerferlicht bei anderen, größeren Veranstaltungen..... jede hat ihr Flair und ich möchte nichts davon missen.

Irgend jemand, vermutlich Markus Ohlef, sagt „LOS“, und wir setzen uns in Bewegung. Das schwache Licht der Laterne verschwindet, um uns herum ist nur dunkler Wald, unter uns ein gut zu laufender Weg und überall vor und hinter uns spiegelt sich das Licht unserer Lampen an den Reflektoren der anderen Teilnehmer. Schnell zieht sich das Feld auseinander. Ab und zu kommt ein Mountainbiker vorbei, der entweder als einer der Letzten gestartet ist, oder mit seinem Läufer das Feld von hinten aufrollt. Nicht alle haben Ihre Lampen an, aber selbst wenn, könnten sie die Gegend um uns herum nur schwach beleuchten. Es ist fast Vollmond, aber bewölkt und so ist außer dem kurzen Lichtschein vor meinen Füßen und einer langen immer blasser werdenden Schlange Lichter nichts um mich herum zu erkennen.

Ich laufe neben Florian, oder besser gesagt kurz vor ihm, denn wieder einmal gehen die Pferde mit mir durch. Wohl wissend, dass ich nicht so fitt bin, wie hätte sein sollen, habe ich mir fest vorgenommen mich an Florian zu halten, mich von ihm bremsen und später ziehen zu lassen. Er macht seine Sache unwissentlich gut und gibt mir immer wieder zu verstehen dass ich zu schnell bin. Die anderen aus unserer losen, durch die gemeinsame übernachtung entstandene Gemeinschaft, sind überall im Feld verteilt, einige vor, andere hinter uns. Nur unterbrochen durch die ersten Pinkelpausen, laufen Florian und ich mit wechselnder Begleitung durch die Nacht. Ohne es bewusst zu merken, führen wir eine kleine Gruppe an, verlieren aber den Anschluss zu den Läufern vor uns und stehen auf einmal auf einer Kreuzung, im dunkeln, ohne Wegweiser. Keiner von uns hat etwas gesehen, um uns herum ist nur dunkler Wald. Ich hole das kleine Navi aus meinem Frontpack und zuverlässig zeigt es mir den Weg in die Dunkelheit. Wir hätten nur gerade aus weiterlaufen müssen, aber durch Reden abgelenkt, durch das fehlende Licht verunsichert, waren wir stehen geblieben. Das beleuchtete Display zeigt mir als nächstes eine scharfe Rechtsbiegung an. Wenige Meter, dann geht es links den Berg runter, klasse, ein beruhigendes Gefühl, das Ding dabei zu haben.

Ausnahmsweise laufe ich nicht neben Florian her, sondern unterhalte mich mit Bill über den UTMB und schon bin ich etliche Meter voraus. Die erste Verpflegung kommt in Sicht. Einfach an einer Kreuzung ein Tapeziertisch, aber mit allem was das Läuferherz begehrt. Ich esse einen Riegel trinke einen Schluck warmen Tee und laufe wieder zusammen mit meinem Schatten los. Der einzige, der konsequent in unserer Nähe bleibt, ist Markus, Florians bester Freund und wohl auch innigster Rivale, wie ich später noch fest stellen sollte. Er lässt sich oft etwas zurückfallen, oder läuft vor, was Florian des häufigeren zu einem zügigen Aufbruch verleitet. Mir ist es recht, der Weg ist noch lang und am Ende spurten kann ich auch.

Die ersten ca.10 km sind geschafft. Von Anfang an gehen wir die Steigungen und laufen wieder wenn es gerade oder bergab geht. Es dämmert, kein schöner Sonnenaufgang, es wird einfach hell, unspektakulär, ich merke es nicht einmal und irgendwann meint Florian ich könne meine Lampe ruhig ausschalten.

Wir erreichen den nächsten Versorgungsplatz. Aus dem Kofferraum eines Autos bekommen wir herrlich warmen, nein heißen Tee, Keks, Bananen und etwas was aussieht wie Mozartkugeln und Marzipankartoffeln. Ich wiederstehe der Versuchung nach Schokolade, die mir doch nur im Mund klebt und genehmige mir stattdessen ein nicht weniger klebriges Powergel Tropical Fruit. Lecker...., irgendwann muss ich mal meine Wettkampfernährung auf Kekse und Schokolade umstellen.
Weiter geht es am Ufer des Seeburger Sees. Vor uns läuft eine Frau mit Ihrem Begleiter, zu ihnen aufgelaufen bremst mich Florian wieder, ich habe mein Tempo noch immer nicht im Griff. Abwechslungsreich ist die Landschaft, nachdem wir bisher auch viele bergab Passagen hatten, geht es im Moment hauptsächlich eben weiter. Durch ein Wohngebiet laufen wir, an einer Landstrasse entlang, aber die nächsten Wiesen, Wälder und Hügel sind schon in Sicht.

Ein kurzer Anstieg über eine Wiese und wir sind in einem Waldstück in dem der Sturm Kyrill deutliche Spuren hinterlassen hat. Als Florian und ich stehen bleiben um Fotos zu machen, läuft Markus wieder zu uns auf und gemeinsam bekommen wir einen kleinen Vorgeschmack auf das, was uns noch erwartet. Der Boden ist weich, matschig, überall sind Pfützen und ich bin froh keine nassen Füße zu bekommen.
Es geht wieder runter, aber nur um kurze Zeit später wieder anzusteigen, durch kleine Orte, über Felder und in der Ferne kommen die Schornsteine von Rhumspringe, unserem nächsten Ziel in Sicht. Die Strecke führt über eine Landstrasse, lang, gerade, eben, öde, langweilig und zum ersten mal merke ich meine Beine. Die 30 km Marke, wenn auch nicht angezeigt, dürften wir passiert haben und ich bin froh, als nach kurzem Suchen unter Zuhilfenahme meines Navi, endlich der Posten mit dampfendem Tee im Wald auftaucht.

Die nächsten Getränke gibt es erst bei km 45, wie mir Florian erzählt, Ulf stehe dort mit seinem Rotbuschtee-Stand, aber im Moment laufe ich nur der Hälfte entgegen. Plötzlich weicht der Wald zurück und wir haben einen herrlichen Blick auf die Hügel des Harzes, die vor uns im Dunst von der Sonne beschienen werden. Der Brocken ist nicht zu sehen, aber es ist zu erahnen was noch vor uns liegt. Meine müden Beine haben sich zu einem echten Tief entwickelt und schon lange zieht mich Florian mehr als das er mich bremsen muss.
Wir unterhalten uns und die Zeit vergeht und dann steht es da, ein kleines unscheinbares Schild, was mir wieder Mut gibt: 42km, die Hälfte ist geschafft. Wir laufen auf einem Hügel und im Tal irgendwo muss Ulf mit seinem Wagen stehen. Ich ziehe das Navi zu Rate, der Weg ist gut beschildert, aber es ist ein wenig Ablenkung. Es zeigt mir den Weg, was es mir nicht zeigt, ist, dass wir den letzten km auf dem Bürgersteig einer Durchgangsstrasse laufen müssen, unangenehm, aber auch dieses Stück ist bald geschafft.

Wir stärken uns ausgiebig und füllen die Trinkflaschen auf, denn jetzt kommt das Stück, das Markus Ohlef in der Streckenbesprechung als „Entsafter“ bezeichnete. Wir sind jetzt mitten drin in den Hügeln des Harzes. Die folgenden km schleppe ich mich nur neben Florian her. Er ist gut drauf, die Strecke liegt ihm, ich hasse sie. Der breite Waldweg schlängelt sich immer am Hang entlang, langsam nach oben. Wir laufen, aber die leichte Steigung verführt mich immer wieder gehen zu wollen. Die Strecke ist nicht „hü“ und nicht „hot“, nicht eben aber es geht auch nicht richtig rauf, ich quäle mich und stopfe ein Gel nach dem anderen in mich rein, in der Hoffnung das sie irgendwann wirken. Ohne Florian hätte ich hier eine menge Zeit verloren.

Wir überqueren eine Wasserscheide, es geht kurz bergab um dann wieder, allerdings jetzt sogar über Kopfsteinpflaster wieder seicht bergauf zu gehen. Bis hierhin habe ich die Zähne zusammengebißen, aber auch Florian hört jetzt auf zu laufen und gemeinsam überholen wir in einem letzten läuferischen Aufbäumen einen anderen Teilnehmer mit seinem Mountainbikebegleiter. Still vor uns hin fluchend erreichen wir endlich die Jagtkopfhütte, die nächste Verpflegungsstelle.

Ich habe einen Stein im Schuh und setzte mich kurz in die kleine Schutzhütte um ihn zu entfernen, während Florian sich schon einmal mit heißem Tee versorgt. Markus, auf der letzten Etappe wieder etwas zurückgefallen, trudelt auch ein und gemeinsam machen wir noch Fotos. Dieser Punkt der Strecke kann nicht mit Fahrzeugen erreicht werden, daher haben zwei Reiterinnen die Versorgung übernommen, was aber weder der Qualität noch der Quantität schadete. Ein letztes Bild mit den vierbeinigen Helfern und weiter geht es wieder in den Wald hinein. Markus und Florian sind sich nicht einig, ob es jetzt weiter rauf oder wieder runter geht, mir ist es egal. Mein Gefühl sagt mir es geht bergab, aber es ist nicht einfach zu laufen. Es liegt Schnee auf dem Weg und nur eine schmale Spur ist frei, in der zu laufen es einiges an Konzentration benötigt. Das Wetter wird schlechter, es ist frisch und es beginnt zu Regnen. Eigentlich bin ich viel zu warm angezogen. Schon vor etlichen km war ich völlig durchgeschwitzt, aber etwas auszuziehen war mir zu riskant und so läuft mir teilweise das Wasser aus den Ärmeln. Solange ich in Bewegung bleibe ist mir warm, ich darf halt nur nicht stehen bleiben. Es beginnt stärker zu Regnen und ich ziehe meine Regenjacke über. Aber kaum habe ich alles an, hört es auch schon wieder auf. Um nicht noch mehr zu Schwitzen mache ich die Regenjacke wieder auf, ziehe sie dann ganz aus, um festzustellen, dass es kurze Zeit später wieder anfängt zu tröpfeln. Florian scherzt und bittet mich die Jacke anzulassen, das Wetter wäre dann besser, HaHa, ich lasse die Jacke aus und gemeinsam erreichen wir den nächsten Verpflegungspunkt, Lausebuche.

Der Regen wird stärker aber in dem kleinen Pavillon des Kontrollpostens sitzen wir trocken und genießen eine heiße Kartoffelsuppe. Das verlockende Angebot uns im, mit Standheizung ausgerüstetem Auto, etwas aufzuwärmen schlagen wir aus, denn auch so schon ist es schwer genug wieder aufzubrechen. Eingepackt in meine Regenjacke bin ich es nun, der mit etwas Abstand hinter Markus und Florian den Pavillon verlässt. Gerade als ich gehe kommt Konrad an, ich aber zockel noch eine ganze Weile hinter meinen beiden Wegbegleitern her. Langsam merke ich wie meine Lebensgeister, die Motivation und der Wille zurückkehren. Entweder es liegt an den Kilometern, die jetzt eindeutig weniger werden, oder an den Gels, die ich mir immer wieder zu Gemüte führe, aber ich schließe wieder zu Florian auf und kaum laufen wir wieder zusammen, fällt Markus zurück.

Es wird immer Winterlicher, es riecht nach Schnee, aber vom Himmel kommt nur Wasser. Der Wind peitscht uns den Regen ins Gesicht, als wir die eine oder andere Lichtung überqueren. Mittlerweile hat Konrad zu uns aufgeschlossen und wir funktionieren prima im Dreiergespann. Abwechselnd übernimmt einer die Führung, es tut gut ab und zu einfach mal nur hinterher zu laufen. Auf dem Weg zum Königskrug kommt uns eine Gruppe Jugendlicher entgegen, ihre Gesichter spiegelten eindeutig ihre Gedanken wieder und sprachen Bände. Aber wir wissen warum wir das hier tun, meistens zumindest.

Der Parkplatz kommt in Sicht, mir tun die drei netten Posten leid, wie sie da so im strömenden Regen stehen, wobei dies wahrscheinlich auf Gegenseitigkeit beruht. Ganz gegen meine eigentlich Überzeugung habe ich mich bisher bei fast allen Pausen hingesetzt, hier finde ich kein trockenes Plätzchen. Florian bietet mir seins an, nutzt aber den Energieaufwand direkt um aufzubrechen. Markus, mittlerweile auch angekommen, und Konrad sind auch schon wieder fitt und brechen auf. Florian bietet mir an in Oderbrück zu warten, aber so haben wir nicht gewettet, so schnell werdet Ihr mich nicht los. Ich schließe schnell auf und weiter geht es durch den jetzt doch schon recht weißen Wald. Das Laufen ist anstrengend, die Wege sind mit Schnee bedeckt, der jedoch so weich ist, dass man sich nicht richtig abdrücken kann. Unser kleines Team kommt gut voran, Markus wie immer etwas abgeschlagen zurück. Florian scheint im Moment gut drauf zu sein, den er führt und hält das Tempo hoch. Konrad fällt zurück, ich halte den Anschluss und gemeinsam laufen wir, wo es geht, nebeneinander her. An einem schönen weißen Teilstück halten wir an, Konrad schließt auf und wir machen wieder Fotos.

Es geht wieder runter und es wird immer matschiger. Immer häufiger müssen wir große Wiesenstücke überqueren, die völlig unter Wasser stehen. Bisher haben meine Trailschuhe wunderbar ihre Arbeit gemacht, die Blasen schon ca. ab km 50 waren zu erwarten, aber jetzt stoßen auch sie an ihre Grenzen. Das erste Wasser schwappt rein und kühlt die Füße schlagartig ab. Den Bemerkungen der anderen nach geht es Ihnen genau so. Dem kurzen, stechenden Schmerz nach zu urteilen ist mir gerade die Blase am Ballen geplatzt, aber scheinbar dank des kalten Wassers verschwindet der Schmerz genau so schnell wie er gekommen ist. In recht zügigem Tempo laufen wir an verwunderten Spaziergängern vorbei, sind uns kurz nicht einig über den richtigen Weg, aber Dank Florian erreichen wir endlich den letzten Posten.

Richtig urig ist es hier. In einem kleinen Wartehäuschen steht ein Elektroofen, es gibt Frikadellen, Spritzgebäck und Kuchen. Ich probiere alles und beschließe dabei mir ein trockenes Shirt anzuziehen, wofür schleppe ich schließlich den ganzen Krempel mit mir rum. Gerade als ich da so mit nacktem Oberkörper stehe macht Florian Stress und bricht völlig überhastet auf. Markus ist schon unterwegs, das ist es also, jetzt hier kurz vor dem Ziel bricht die Konkurrenz zwischen den beiden Freunden offen aus. Ich habe keine Chance zu folgen und ziehe mich erst einmal in Ruhe an.

Im Rausgehen frage ich noch schnell nach der verbleibenden Strecke: etwa 7 Km, pillepalle, das schaffe ich jetzt noch locker. Bevor ich loslaufe bittet mich der Fotograph, der uns schon bei km 45 abgelichtet hat, noch einmal mit angestrengtem Gesicht an ihm vorbei zu laufen, sehe ich tatsächlich locker aus?

Ein weiterer Teilnehmer mit seinem Biker begleiten mich ein Stück, bevor sie an der nächsten Steigung gehen, ich aber fühle mich prima (vielleicht versuche ich es mal mit Frikas und Spritzgebäck statt Powergel) und laufe weiter. Nach kurzer Zeit kommen die zwei Konkurrenten in Sicht, auch Konrad hat sich mitreißen lassen. Ich schließe auf und überhole zum Scherz winkend, um mich Ihnen dann wieder anzuschließen. Nein, für mich steht fest, abhängen lasse ich mich nicht mehr, aber obwohl ich mich jetzt wieder prima fühle würde ich auch keinen Alleingang mehr machen, fast 80 Km gemeinsam, da lasse ich keinen mehr stehen.

Florian erzählt mir von seiner Konkurrenz mit Markus, das er es ihm mal gönnt nach der verkorksten Saison im letzten Jahr, aber im selben Atemzug teilt er mir mit, dass er jeden Moment mit einem Angriff von Markus rechnet, ihn aber auf jeden Fall parieren wird. Die Probleme habe ich nicht, ich fühle mich fitt genug jedes Tempo mit zu gehen.

Endlich jetzt nach 80 Km kommt mein Terrain, es wird steiler, der Wind nimmt immer weiter zu, noch sind wir im Wald, aber zwischen durch gibt es immer wieder einen Vorgeschmack auf den Gipfel des Brockens. Schade das wir fast keine Sicht haben, die Bäume sind verschneid, der Weg schneebedeckt, etwas rutschig aber doch recht gut zu laufen. Laufen geht fast besser als gehen. Immer wieder kommen uns verwunderte Wanderer entgegen und auch erste Langläufer brausen an uns talwärts vorbei. Jetzt wird es richtig steil, nicht ganz so wie in der Schweiz beim Inferno, aber ich mag dieses Profil.

Meine linke Hand liegt auf meinem Oberschenkel zur Unterstützung, die rechte schwingt locker im Takt meiner Beine. Als ich mich oben umdrehe, habe ich nicht nur zwei weitere Teilnehmer überholt, sondern auch locker Konrad und Florian abgehängt. Ich rufe ihnen einen lockeren Spruch zu, und warte bis sie mich erreichen.
Florian erinnert sich an die Strecke und empfiehlt an den Gleisen der Brockenbahn, die wir mittlerweile erreicht haben, weiter zu laufen. Eine Weile lässt es sich gut auf dem gefrorenen Schotter laufen, dann aber wechseln wir wieder auf den Weg.

Ein Laufen ist jetzt nur noch schwer möglich, es beginnt zu dämmern, der Weg ist teilweise gefroren und rutschig, dann wieder weich mit löchern. Als ich unerwartet in so ein Schneeloch trete und mein gesamtes Gewicht mit einem Bein abfangen muss, merke ich, was ich die letzten Stunden getan habe. Den anderen Zwei geht es aber nicht besser und so gehen wir gemeinsam zügig weiter bergauf. Ich sehe nicht, dass Florian sich umdreht, aber aus gelegentlichen Bemerkungen folgere ich, dass er am liebsten Augen im Hinterkopf hätte um nach Markus zu sehen. Ein Umdrehen hier auf diesem unebenen, rutschigen mit unterschiedlich großen Steinen bedeckten Pfad ist nur im Stillstand möglich, aber es wird immer kälter und ungemütlicher und so bleiben wir immer in Bewegung.

Ein lautes Pfeifen schrillt durch den aufgezogenen Nebel und wie ein Geisterzug tauchen plötzlich die Lampen der Brockenbahn auf und rumpeln an uns vorbei. Die angehängten Wagons sind hell erleuchtet sehen warm und gemütlich aus, in meinem Hinterkopf assoziiere ich das irgendwie mit Weihnachten, aber so schnell der Gedanke gekommen ist, so schnell ist er auch wieder verflogen. Ebenso wie der Zug, der uns wieder in der Dämmerung alleine lässt.

Endlich erreichen wir die Abzweigung zur Brockenstrasse. Ein kurzer Anstieg, bekannte Gesichter, Ulf feuert uns noch einmal an und warnt uns vor dem Wind. Es wird immer stürmischer, ich binde die Kapuze meiner Regenjacke noch enger und bedaure die anderen zwei, die nur mit Mütze bzw. Stirnband unterwegs sind. Der Wind peitscht uns Eiskristalle entgegen und zerrt an den Jacken. Vorn übergebeugt kämpfen wir uns nebeneinander gegen den Wind voran. Sinnvoller währe es hintereinander zu gehen, aber so haben wir noch mehr das Gefühl gemeinsam anzukommen. Die ersten Lichter des Bahnhofs kommen in Sicht, eine Neonreklame über einer Tür, die Baude am Bahnhof, alles dunkel, wir müssen noch weiter. Ein Stück höher schimmert Licht aus einer Tür, ein weißes Bettlaken mit der Aufschrift Ziel zeigt uns, dass wir richtig sind. In der Tür erwartet uns der Veranstalter, umarmt und beglückt wünscht uns. Wir sind uns nicht ganz einig über die Zeit, aber während wir uns noch gratulieren kommt auch unser Nachzügler Markus und es werden 11 h 35 min für uns notiert. Die anderen drei wollen unbedingt ins warme, aber ich kenne mich, wenn ich einmal im Ziel bin bringen mich keine zehn Pferde wieder auf die Strecke, also motiviere ich sie noch einmal mit nach draußen zu kommen um ein Foto zu machen. Wenige Meter entfernt heult der Wind um den Brockenstein. Jetzt ist es richtig dunkel. Die Sanitäterin die uns netter weise begleitet macht die Fotos nur auf Zuruf, denn im Schneetreiben ist fast nichts mehr zu sehen.

Der Sturm treibt uns zurück ins Warme. Aufgereiht liegen dort unsere Beutel mit den Wechselsachen und es sind noch einige da. Auf der ersten Etage treffen wir auch Dagmar und Bernd. Bernd war eine halbe Stunde er da als wir, Dagmar musste leider mit Magenproblemen nach 45 Km aussteigen, hat es sich aber nicht nehmen lassen mit dem Zug zum Ziel zu kommen. Ich rufe kurz Alex an, die sich schon unterwegs besorgt nach meinem Befinden erkundigt hatte, und pelle mich langsam aus den nassen Sachen.
Die Dusche ist herrlich, eine Kontrolle ergibt keine nennenswerten Blessuren, von den, allerdings wenigen, Blasen an den Füßen mal abgesehen. Die ersten Erfahrungen werden ausgetauscht und der nächste Transport bringt uns runter nach Schierke zum Abendessen. Auf dem Weg dorthin passieren wir die Brockenstrasse, im Licht der Scheinwerfer tauchen immer wieder Läufer auf, ich bin froh angekommen zu sein und freue mich auf ein herzhaftes Abendessen. Irgendwo da draußen sind noch Yogi, Georg und die anderen unterwegs.

Wir haben schon gegessen, als sie später im Gasthaus ankommen. Ein Bus bringt uns zum Start und meinem Auto zurück. Die Nacht verbringen wir wieder bei Ulf, vorher sitzen wir jedoch noch lange alle zusammen in seiner Küche und erzählen Anekdoten, und nach einem ausgiebigen und langen Frühstück geht es am nächsten Morgen wieder Richtung Heimat.

Das einzige was bei diesem Lauf gefehlt hat, war die Aussicht vom Brocken, alles andere war klasse und beim nächsten mal werde ich vielleicht ein wenig weniger Klamotten durch den Harz schleppen, aber wer weiß was nächstes Jahr ist........