2007 Rheinsteig I - Von Bonn bis Linz

   geschrieben Mai 2007

Die Zutaten für einen perfekten Lauf sind doch immer dieselben: ein paar gute Freunde, eine schöne Strecke, ein Abenteuer mit ungewißem Ausgang…Der Rheinsteig ist als Strecke definitiv geeignet, denn mit seinen zig-tausend Höhenmetern auf über 300km ist er lang genug, um immer ein Abenteuer zu bleiben. Wir sind also am Samstag morgen gegen 10:00 in Bonn bei bestem Wetter gestartet, dieses Abenteuer zu bestreiten. Die erste Enttäuschung war, daß wir den Start nicht gefunden haben. Das Rathaus war zwar da, den dort angeblich befindlichen ersten Wegweiser haben wir allerdings vergeblich gesucht. Also sind wir einfach so zur Rheinbrücke gelaufen, denn daß die Strecke dort drüber führt war unstrittig. Ab da war die Wegmarkierung dann auch wirklich perfekt. Alle paar 100m ein Schild! Wer sich auf dem Rheinsteig verläuft ist echt selber schuld. Es ist dort weder Karte, noch Navi noch sonst irgendwas nötig: einfach von Schild zu Schild laufen und gut ist.
 

Start am Rathaus in Bonn

Nach ein paar km am Rheinufer geht’s links das Rheintal hinauf. Sofort zeigt sich eine Besonderheit dieses Wanderweges: der Rheinsteig ist NICHT der schnellste Weg von hier nach da, sondern windet sich durch ein Netz von Wanderwegen von einer Sehenswürdigkeit zur nächsten. Es geht also öfters mal treppensteil nach oben, um irgendeinen Aussichtspunkt oder ein Denkmal zu treffen, und gleich danach wieder genauso steil runter. Wir haben uns auf diese Weise ein paar mal mit einer Gruppe Wanderer getroffen, die auf dem, relativ ebenen, Wanderweg am Fuß des ersten Höhenzuges unterwegs waren. Jedes mal, wenn wir wieder von oben runter gestürmt kamen, waren sie wieder vor uns. Ab dem malerischen Dornheckensee haben wir sie, trotz kleiner Pause, ab gehängt :-)



Markus & Markus am Dornheckensee

Oberhalb von Königswinter kam der erste längere Aufstieg zum Petersberg. Dort oben steht alle 20m eine martialische Überwachungskamera, außerdem ein Sammelsorium von Scheinwerfern. Der Weg führt allerdings nicht direkt am Hotel vorbei. Kaum waren wir oben, ging’s auch schon wieder bergab. Und kaum waren wir unten… Von einer kleinen Aussichtsplattform aus hatten wir einen schönen Blick auf den Drachenfels und die dazwischen liegenden Hügel, die wir allesamt zu übersteigen hatten. Allerdings lag zwischen diesen Hügeln noch ein Kaffee, wo wir Cola getrunken und unsere Trinkrucksäcke aufgefüllt haben.



Blick auf den Drachenfels

Frisch gestärkt sind haben wir drei dann die nächsten Hügel überschritten. Kurz vor der Aussichtsplattform Drachenfels, hatten wir noch diesen herrlichen Blick auf die Drachenburg. Von der Plattform aus sahen wir schon, daß das Wetter langsam diesig wurde. Die Fernsicht betrug wohl keine 10km mehr aber die Sonne brannte dafür um so heißer. Grade in den Tälern rührte sich kein Lüftchen und es war sehr drückend. Mir lief der Schweiß in Strömen, grade an den steilen Anstiegen.



Blick auf die Drachenburg

Diese drückende Hitze forderte ein erstes Opfer: kurz vor Bad Honnef hatte Markus Hinz ein Tief. Er machte immer weniger Witze, was bei ihm grundsätzlich ein sehr schlechtes Zeichen ist. Normalerweise kann er mir an jedem Anstieg locker davon ziehen, jetzt aber drehte ich mich immer öfter zu ihm um, damit der Abstand nicht zu groß werden sollte. Was tun? Sollten wir drei uns trennen? Oder das sehr langsame Tempo noch weiter drosseln? Oder gemeinsam aufhören? Von Bad Honnef bis Unkel zieht sich die Strecke abseits aller Bahnhöfe ostwärts in’s Siebengebirge hinein. Dort auf zu geben wäre wirklich ungünstig gewesen. Aber wie kann ich einem Freund bei einer gemeinsamen Tour sagen, daß er zu langsam ist? Aber der Moment der Entscheidung kam unausweichlich an einer Spitzkehre bei den ersten (und für uns auch letzten) Häusern von Bad Honnef. Es war einfach die beste Stelle, sich zu trennen, und die hat Markus dann auch genutzt. Er ist zum Bahnhof abgestiegen.



Auf dem Weg Richtung Bad Honnef

Für Markus Weißberg und mich ging es dann zu zweit weiter, wobei wir unser ruhiges Tempo gehalten haben. Erstens, weil ich selber auch schon anfing, die vielen Steigungen zu merken, und zweitens weil mein Wasser langsam wieder alle war. Kurz vor Unkel konnten wir unsere Trinkrucksäcke dann an einem Reiterhof wieder auffüllen.

Während des Laufens scheint die Zeit irgendwie still zu stehen, die Stunden zählen einfach nicht. Daß sich die Uhren außerhalb unserer Zeit-Blase überhaupt drehen, habe ich vor allem daran gemerkt, daß die Wanderer, die uns entgegenkamen, irgendwann statt: „Guten Morgen“ „Hallo“ gesagt haben. Jetzt war ich innerlich auf „Hallo“ eingestimmt und fast überrascht, als uns jemand mit „Guten Abend“ begrüßt hat. War es wirklich schon so spät? Tatsächlich: die Sonne senkte sich langsam und die Schatten wurden immer länger. Und die Luft wurde einfach nicht kühler. So langsam wurde die Sache anstrengend. Markus Weißberg hat eine tolle Uhr, die ihm immer die Höhenmeter anzeigt, auch die seit Start gesammelten. Und da waren auf den letzten 50km schon über 2000 zusammen gekommen, als wir die Erpeler Ley gegenüber von Remagen erreichten.

Deshalb haben wir auch hier noch mal pause gemacht, eine Cola getrunken und die Rucksäcke neu befüllt. Da wir aufgrund des Profils wesentlich langsamer voran kamen, als wir berechnet hatten, neigten sich meine Essensvorräte bedenklich zur Neige. Ursprünglich hatten wir nämlich geplant, daß ein weiterer Freund von mir (Udo) mit dem Auto nach Rengsdorf kommen würde, und hatten ihm jeder einen Beutel mit Wechselklamotten, Riegeln, Gels etc. mit gegeben. Wir dachten, wir könnten die 100km bis Rengsdorf in 14-16 Stunden geschafft haben. Jetzt ging bald die Sonne unter, und wir hatten in zehn Stunden harter Arbeit grade mal die Hälfte des Weges bis Rengsdorf geschafft. Es war zermürbend und ging mir ziemlich auf die Psyche. Ich bekam ein Tief. Nach einem Blick auf die schwarze Ruine der zerstörten Brücke von Remagen, der meine Laune auch nicht besser machte, richteten wir uns langsam auf die kommende Nacht ein und machten uns Richtung Linz auf, das schon zu sehen war.



es geht bergab

Kurz hinter Burg Ockenfels ging dann durch die „City“ von Linz. Da der Rheinsteig sich konsequent von allen Siedlungen fernhält, kam uns die hübsche Innenstadt wie eine Rückkehr in die Zivilisation vor. Auch hier war die Beschilderung wirklich über jeden Zweifel erhaben und wir fanden den Weg durch den Ort ohne Probleme.

Im ersten Waldstück hinter Linz war es auf einmal stockfinster. Über den Himmel hatten sich sehr dunkle Wolken geschoben und unter den dichten Buchen brauchten wir plötzlich unsere Lampen. Dazu kam ein bedrohlichen Grollen und Wetterleuchten. Wir zogen rasch unsere Regensachen an und stellten dann fest, daß die vielen Schilder und Wegmarken zwar im hellen bestens zu sehen sind, im Dunkeln aber nicht. Unser Plan, die Nacht durch zu laufen, schien mir unmöglich. Das fröhliche Traben durch den grünen Sommerwald, das den ganzen Tag so schön gemacht hatte, war jetzt zu Ende. Und so, wie die Dämmerung des Tages mit einer Trübung meiner Stimmung einher gegangen war, so fiel jetzt die Nacht über mich her. Es hatte alles keinen Sinn. Wir würden im Dunkeln nie voran kommen, keine Chance. Und wie von der Depression persönlich bestellt, leuchteten die ersten Blitze durch das Blätterdach. Ein paar mal dachten wir schon, der Regen käme, aber es waren nur die ersten kalten Windstöße, die durch den Wald jagten.

Als wir aus dem Waldstück raus kamen, war gleich rechts von uns die Rettung: eine Schutzhütte. Und in der Hütte brannte ein lustiges Feuer und ein Radio spielte fröhliche Musik. Und einige Väter mit einem guten Dutzend Kinder saßen und standen bei der Hütte und schauten auf das beginnende Gewitter. Wir wurden herzlich willkommen geheißen und gut aufgenommen. Keine Minute später öffnete der Himmel alle seine Schleusen.



Warm und gemütlich (Markus im Hintergrund)

Es war herrlich. Das Feuer prasselte, die Kinder spielten und fragten uns aus und Markus und ich telefonierten in Ruhe mit unseren eigenen Lieben daheim. Draußen prasselte der Regen, unterbrochen von wilden Blitzten und krachendem Donner. So gemütlich war es am warmen Kamin, daß wir uns auf einer der Holzbänke ausstreckten. Minuten später war ich eingeschlafen.

Markus hat mich aber bald darauf wieder geweckt und nach meinen Plänen gefragt. Meine erste Idee war einfach weiter zu schlafen oder Udo zu bitten, statt nach Rengsdorf nach Bad Hönningen zu kommen und uns ab zu hohlen. Bis dorthin wären es noch gut km, also mindestens drei Stunden gewesen. Einer der Väter war dann aber so freundlich, uns einfach in seinem Auto bis nach Linz zum Bahnhof zu bringen! Wupps, ehe ich mich richtig versah, saßen wir also in Linz am Bahnhof und warteten auf den Zug. Nach einer Weile ließ der Regen etwas nach, was Markus auf die Idee brachte, wir könnten vielleicht doch noch…Aber das war mehr hypothetisch gemeint, quasi ein Rückzugsgefecht. Trotzdem war der Gedanke, in drei Stunden einfach NOCH mal an der Grillhütte auf zu tauchen, und zu sagen wir hätten es uns anders überlegt, urkomisch.

Der Zug kam und Unkel, Bad Honnef und Königswinter flogen in Minuten an uns vorbei. Bei jedem Bahnhof kam es mir merkwürdiger vor. Udo hat uns dann letztendlich statt in Rengsdorf am Kölner Hauptbahnhof abgeholt, wo wir acht Minuten vor seinem Geburtstag angekommen sind. Danke noch mal!

Fazit: ein toller Lauftag, super gute Freunde und ein Abenteuer, mit ungewißem Ausgang, es war alles da, was ich gesucht habe.