2008 Rheinsteig von Linz nach Bonn bei Nacht

   geschrieben August 2008

Einmal im Monat brauche ich ein Abenteuer, muss was Neues erleben, was Spannendes, was ich noch nicht erlebt habe, eine neue Herausforderung. Außerdem brauche ich für wirklich große Läufe, die ich mal bestreiten möchte, die Fähigkeit bei Nacht zu laufen. Warum also nicht das Nützliche mit dem Spannenden verbinden?

Markus und ich fahren also mit dem Auto bis Bonn und parken das Auto am Bahnhof Bonn Beuel. Von dort aus fahren wir mit dem Zug bis Linz, wo wir um 22:00 ankommen. Nach wenigen Minuten zeigen uns die blauen Schilder mit der weißen R-Schlange, daß wir auf dem richtigen Weg , sprich dem Rheinsteig, sind: auf nach Norden!

In der angenehm warmen Abenddämmerung steigen wir gemächlich die erste Steigung zur Burg hoch und genießen immer wieder wunderschöne Blicke zurück über die Lichter von Linz und den noch immer jenseits des Rheins glühenden Himmel. Mein Lieblings-Gefühl erfüllt mich voll und ganz. Es ist dieses Kribbeln im Bauch am Anfang eines Abenteuers, dieses Bewusstsein, daß jeder Schritt ein besonderes Geschenk ist. Gleichzeitig fällt die tagelange Spannung der Vorbereitung von mir ab: jetzt ist es endlich real, jetzt ist es soweit. Wie beim Sex, wenn es auf die Einbahnstraße geht und Nichts mehr außerhalb des Bettes eine Bedeutung hat. Ich weiß: für die kommenden Stunden gibt es nur mich und meinen Body. Es ist egal ob mein Konto im Plus oder Minus ist, ob meine Frau mich liebt, das Auto läuft oder mein Chef sauer auf mich ist. Für viele Stunden werde ich einfach nur laufen müssen. Dieses innere Loslassen und Entspannen wird von der Aufregung über die Nacht und die Strecke begleitet: Abenteuer pur! Und dann kommt als besonderer Reiz noch diese Schönheit von Abendrot über dem Rheintal hinzu. Kann das Leben perfektere Momente bieten?

Bald hüllt uns völlige Dunkelheit ein, vor allem wenn wir durch die zahlreichen Waldstücke laufen. Die Konzentration ist hoch, wir scannen die Bäume mit Argus-Augen und verpassen doch immer wieder einzelne Abzweiger. Bei Tageslicht sind die hellen Schilder völlig unübersehbar, aber jetzt in der Nacht sind sie fast unsichtbar. Außerdem schlängelt sich die Strecke teilweise recht anspruchsvoll an einem steilen Hang entlang. Ein Abrutschen in der Finsternis würde vermutlich ein paar Bänder oder Sehnen kosten. Wir sind beide froh, nicht allein unterwegs zu sein. Falls einer fällt, könnte der Andere notfalls Hilfe holen.

Ein Wenig Entspannung gibt's an der Erpeler-Ley, wo wir einige Minuten Pause machen, und die Aussicht genießen.

Irgendwo im Wald machen wir dann am so genannten "Auge Gottes" die erste richtige Pause. Dort steht eine kleine Kapelle zwischen sehr hohen Tannen (oder Fichten?) und davor ist eine Bank, auf der wir uns niederlassen und essen. Die roten Grablichter verbreiten eine seltsame und einzigartige Atmosphäre. Wir sprechen automatisch leise und gedämpft, aber die Stimmung ist noch super, denn wir kommen wie geplant mit ca. km/h voran und sind noch fit.

Bald danach haben wir dann wohl einen Abzweig verpasst. Wir haben so nett geplaudert, wie es nur zwei Freunde gemeinsam bei einem ruhigen Nachtlauf tun und sind immer dem breiten Forstweg nach gelaufen. "Ich hab schon lange kein Schild mehr gesehen" "Ich auch nicht." Wir gehen noch fünf Minuten weiter, wenn dann nichts kommt, drehen wir um! Nach gut drei realen und 25 gefühlten Minuten finden wir einen Wegweiser nach Leyberg. Diesen Name hatte ich vorhin schon auf einigen Wegweisen gesehen und bin sicher, daß der Rheinsteig durch diesen Ort führt und wir ihn dort wieder treffen müssen. Es gibt hier auch die gelben Rheinsteig-Schilder, die üblicherweise einen Zugang zum Steig selber von einem Ort aus markieren. In der Festen Annahme, daß wir auf einem solchen Zubringer sind, folgen wir den Schildern Richtung Leyberg. Der Weg wird immer steiler, schmaler, und es wird klar, daß Leyberg keinesfalls ein Dorf, sondern ein Berg ist. Ok, denken wir, dann führt wohl der Rheinsteig drüber und wir kommen einfach nur von einer anderen Seite darauf. Kurz vor dem Gipfel verpassen wir noch mal den Weg und enden an der Flanke im Gebüsch: hier geht's definitiv nicht weiter. Rückzug! Es fängt an zu Regnen, das Gelände ist steil und rutschig. Irgendwann sind wir dann oben und stellen fest, daß es nur diesen einen Weg rauf, bzw. runter geht! Zwangsläufig folgen wir den gelben Zubringer-Schildern wieder runter und über den Punkt, von wo an wir ihnen gefolgt sind hinaus weiter, bis wir an eine Kreuzung mit einem breiten Forstweg kommen. Mir kommt die Ecke irgendwie bekannt vor. Waren wir nicht schon mal hier? Kann eigentlich nicht sein. Jedenfalls gibts ab hier wieder die echten blauen Rheinsteig-Schilder, denen wir weiter folgen. Später, als Markus zu hause sein tolles Satelliten-Ding an den Rechner gehängt hat, sehen wir, daß wir eine komplette saubere Runde um diesen Berg gelaufen sind, und tatsächlich vor gut anderthalb Stunden an dieser Ecke vorbei gekommen sind, dabei aber den Abzweig verpasst haben.

Irgendwann kommt die erste Morgendämmerung und wir bewundern sie vom Drachenfells aus bei der zweiten Esspause. Es weht hier oben ein recht kühler Wind, so daß wir unsere Jacken Anziehen. Nicht weit nördlich von hier, nur ein paar Kilometer entfernt, sehen wir im ersten Tageslicht den Petersberg. Da müssen wir hin! Allerdings liegen dazwischen, wie beim Rheinsteig üblich, noch ein paar Täler und etliche Kilometer mehr als die Luftlinie. Markus fällt bei dem Anblick in ein Loch, in dem er seine Müdigkeit, die Kälte und die vielen Schritte der Nacht übermäßig spürt: er gibt auf, lässt mich alleine und steigt nach Königswinter ab.

Ich laufe also von hier aus auf eigene Faust und verpasse nach nur 500m schon das erste Mal den Weg. "Konzentrier Dich!" rufe ich mir selber zu und passe von jetzt an besser auf. Der nächste Schreck lässt aber nicht lange auf sich warten: Wildschweine! Meine größte Angst wird wahr. Tausendmal habe ich mich beim abendlichen Training zu hause erschreckt, wenn ich es im Wald knacken hörte. Schon seit ewigen Jahren fürchte ich mich vor diesen Tieren so sehr, daß ich schon öfters meine geplante Laufstrecke so geändert habe, daß ich Wald in der Nacht vermeide. Und jetzt sehe ich sie auf einmal vor mir, grade jetzt, wo ich alleine bin. Ich sehe drei Bachen und etliche Frischlinge. Allerdings ist die Rotte noch gut 50m von mir entfernt, als wir uns gegenseitig bemerken. Sofort bleibe ich stehen und überlege fieberhaft, was ich jetzt machen soll: weglaufen? schreien? auf einen Baum klettern? Bevor ich mich gesammelt habe, treffen die Wildschweine schon die Entscheidung für mich, sie entfernen sich. Eine Bache bleibt auf dem Weg stehen, und schaut mich ruhig an, während der Rest rasch im Farn verschwindet. Dann geht auch sie. Ich spüre, daß sie überhaupt keine Angst vor mir hat: die Schweine finden mich wohl einfach nur furchtbar unsympathisch.

Weiter geht’s, Berg auf und Berg ab, und ich komme prima voran. Die langsam herauf ziehende Morgendämmerung gibt mir Kraft ohne Ende und ich spüre, daß ich noch immer topfit bin. Immer schneller komme ich voran und schon wenig später laufe ich an den martialischen Kameras vom Petersberg vorbei.

Plötzlich wird mir klar, daß Markus unten auf der Hauptstraße, auch nicht viel schneller sein wird als ich hier oben und beschließe ihn an zu rufen. Ich erreiche ihn noch und er ist auch noch nicht am Auto. Kein Problem, er wartet auf mich und ich muss mir für die Rückfahrt keine Zugverbindung überlegen. Mit noch mal erneuerter Energie renne ich weiter und störe mich auch nicht an dem heftigen Schauer, der mich noch mal so richtig nass macht. So laufe ich schon bald am Leichensee vorbei und durch die ersten Vorboten von Bonn. Kaum bin ich über die Autobahn rüber, kommt mir auch schon Markus entgegen, der mit dem Auto bis hierhin gefahren ist, so spare ich die letzten drei Kilometer bis Beuel durch die Stadt!

Bis hierhin ging es mir absolut prima, ich sprühe vor Energie und Lauflust und spüre keinerlei Ermüdung. Ich fühle, daß ich noch stundenlang so weiter laufen könnte, und am liebsten auch würde. Kaum sitze ich jedoch im Auto, überfällt mich so dermaßen bleierne Müdigkeit, daß ich schon nach wenigen Minuten mitten im Gespräch in einen kurzen Schlaf falle. Gut, daß ich nicht fahren muss!

Fazit: eine ganz tolle Erfahrung!