2008 Stunt100

   geschrieben August 2008


Im Herbst 2007 habe ich mal wieder im Greifshop angerufen, und dabei zufällig Hansi Köhler am Telefon gehabt. Hansi's Name war mir da schon geläufig und auch meinen Namen kannte er bereits aus Erzählungen. Wir haben ein bisschen geplaudert, bis die Frage nach meinen weitern Laufplänen kam. "Oh", sagte ich "ich hab' da von was ganz tollem gehört: ein Hundert-Meilen-Trail-Lauf, der gar nicht so weit weg sein soll". Zu meiner Überraschung entpuppte sich Hansi als Organisator eben dieses Lauf-Traums und hat mir auch gleich davon vorgeschwärmt. Es war zwar keine ausdrückliche Einladung, aber er hat doch die Tür für mich aufgelassen. 160 Kilometer, 3800 Höhenmeter, Nacht, Wildschweine... Das ist zwei mal die Brocken-Challenge am Stück! Ich habe sechs oder acht Wochen über diese Idee gegrübelt, bis ich Hansi die entscheidende Frage gestellt habe: "darf ich dabei sein?". Es ist nämlich so, daß der Stunt100 ein sog. Einladungslauf ist. Man kann sich also nicht einfach anmelden, sondern wer mit laufen will, braucht eine Einladung. Auf diese Weise bleibt es eine kleine, private Veranstaltung unter Freunden, ohne Idioten. Und ich habe eine Antwort bekommen: "Ja" schrieb Hansi, "aber Du musst noch viel trainieren!".

Also hab' ich von November an mein ganzes Laufjahr auf den Stunt100 ausgerichtet, vieleicht sogar mein ganzes Leben. Denn von jetzt an stand alles im Zeichen des Stunt100. Jeder Lauf war ein Trainingslauf, jedes Event ein Test. Ich bin mit der Karte in der Hand durch die Gegend gelaufen, habe mit dem Kompass geübt und immer neue Routen versucht. Ich weiß jetzt: die Leute wundern sich wirklich, wenn man mit der Landkarte in der Hand, durch ein Wohngebiet läuft!

Erster Vortest im Februar, die Brocken-Challenge: neue Bestzeit, danach der Königsforst-Marathon im März: neue PB über Marathon. Es folgte mein erster 100Kilometer-Lauf mit Bergen, der Hollenlauf im Mai: neue PB über 100km! Da neben immer wieder Rheinsteig, Nachtläufe, Nachtläufe auf dem Rheinsteig, etc. etc. Ich habe das ganz Jahr immer hart am der Grenze dessen trainiert, was mein Körper her gegeben hat. Immer knapp vor der Erkältung etwas Druck raus genommen, oft beginnenden Shinsplint o.Ä. gespürt und mich vielfach auch beansprucht gefühlt. Im August war mir klar, daß ich nicht mehr als die 1800 Jahreskm hätte Trainieren können. Außerdem habe ich mein Gewicht von 76kg auf 72kg reduziert (bei 180 Größe).

Dazu habe ich die Berichte aus den Vorjahren immer und immer wieder gelesen, die Karten studiert und Strecke und Gegend wohl 100 mal mit Google-Earth abgeflogen. Die Karte der ersten Runde, die in allen Erzählungen als die schwerste gilt, hatte ich seit Wochen als Hintergrund-Bild auf meinem Rechner im Büro. Außerdem habe ich mich, gemäß dem Rat von Bernhard, mental auf's Finishen programmiert. 1000 mal habe ich mir gesagt: "Ich werde ankommen, und wenn es das Letzte ist, was ich tue! Ich komme an, egal was es kostet!". Mehr Vorbereitung wäre definitiv nicht mehr drin gewesen: es musste einfach klappen!

Wir hatten eine Fahrgemeinschaft geplant und Heinrich kam von Kerpen aus zu mir. Gemeinsam sind wir dann zum Tom gefahren. Dort haben wir noch einen Kaffee getrunken und waren um 19:00 auf die Minute pünktlich in Sibbesse am Sportplatz. Hansi zeigt uns Bilder aus den Vorjahren, erklärt einige Punkte des Streckenverlaufs und den allgemeinen Ablauf. Danach gibt's lecker Essen, bevor Tom und ich uns an den Strand von Sibbesse legen

 

Samstag Morgen, Tom und ich im Millionen-Sterne-Hotel


Einen Startschuss oder so höre ich nicht, aber die kleine Gruppe trabt auch so exakt pünktlich, unter dem Jubel der anwesenden Helfer los. Mein Neffe Elias filmt das Denkwürdige, wenn auch unspektakuläre, Ereignis mit dem Handy und postet ein Video davon auf YouTube. Viele von denen, die jetzt hier dabei sind, haben schon Erfahrung mit dem Stunt100: in die eine oder andere Richtung. Heinrich zum Beispiel, mit dem ich auch jetzt zusammen laufe, versucht es heuer zum dritten mal. Eine Ausreißer-Gruppe von vier oder fünf Läufern gewinnt schon nach wenigen Minuten ca. 50m Vorsprung. Allerdings verpassen sie, zur Erheiterung von uns Anderen, noch vor dem Wald eine Abzweigung und müssen umkehren. Trotzdem ordnen sie sich noch vor Heinrich und mir ein, da wir schon jetzt ziemlich weit hinten laufen. Bald sind wir alleine im Wald und es geht auf schönen Forstwegen voran.

 

 

Der Start


Ab und zu mache ich ein Foto, die Sonne scheint und alles ist so locker, wie ein Laufmorgen nur sein kann. Ich bin mit langer Hose unterwegs, weil Hansi vor den Brennnesseln und Brombeeren gewarnt hat, deshalb schwitze ich bald aus allen Poren. Aber da kommt auch schon der Verpflegungsstand Godenau (Km 11). Ach ja, es gibt keine Verpflegungsstellen mehr, das heißt jetzt Aid-Station :-) Ich bin komplett fröhlich und zu allerlei Scherzen aufgelegt. Außerdem gibt's Lakritz-Leckereien.

Hinter Godenau geht's über eine Bundesstraße und dann in den Wald. Zum ersten mal müssen wir uns hier auf den Weg konzentrieren, denn bis hier war wirklich jeder Baum markiert. Das hat jetzt ein Ende, denn der schmale Pfad wird immer schmaler und steiler und endet ohne jede Markierung zwischen Matsch und Dornen. Ok, das stand in der Beschreibung, aber hat Hansi wirklich so abrupt mit dem Markieren aufgehört? Eben noch alles super bezeichnet, so daß wir ohne Karte hätten laufen können und jetzt gar nicht mehr? Mhmmm? Ok wir drehen um und gehen gut 250m bis zur letzten Markierung zurück: bis hier ist also noch alles ok. Wir folgen wieder dem Pfad in den Wald: nichts! Also wieder zurück zum letzten Punkt. Dabei treffen wir ein paar andere Läufer, die auch nach dem Weg suchen. Grade, als ich versuche Hansi telefonisch zu erreichen, sehe ich, versteckt hinter einem Busch, den nächsten Punkt! Aha, wir müssen uns hier hinter dem Busch lang schleichen! Da sind auch wieder die vertrauten Punkte: geht doch! Der Weg war auch auf der Karte eingezeichnet, aber so versteckt, daß ich ich schlicht nicht gefunden habe.

Samstag Morgen, die ersten Kilometer





Bald danach geht's hoch auf den Duinger Berg, ein bewaldeter Höhenzug, auf dessen Kamm wir für einige Kilometer laufen müssen. Hier sind dann auch die versprochenen Brennnesseln und Dornen reichlich vorhanden. Wir laufen vorsichtig den, von den Vorauslaufenden umgeknickten, Halmen hinterher. Da ja fast 20 Läufer vor uns hier lang getrampelt sind, könnte man es fast für einen Pfad halten. Ab und zu ist sogar einer der weißen Punkte zu finden. Trotzdem sehe ich im Gestrüpp nie, wie der Untergrund beschaffen ist, bevor ich den Fuß rein setzte. Mal Steine, mal Schlamm, mal einfach nur Gras, hier heißt es mit Bedacht laufen. Heinrich bleibt mit dem Schuh unter einer stabilen Dornenranke hängen: die Ranke hält Heinrich, Heinrich hält sich, aber der Klügere gibt nach: es zerreißt Heinrich's Schuh, daß die Zehen vorne raus schauen. Glücklicherweise hat er die selbe Schuhgröße wie ich und wir sind hier beim Stunt100. Ein Anruf in Sibbesse und meine Ersatzschuhe werden asap zur Aidstation nach Godenau gebracht, wo wir nachher wieder vorbei kommen. Top!

Der nächste Höhenzug ist der Külf, typisches Mittelgebirge an einem Sommertag: herrliches Laufrevier, schöne Welt, ich liebe das Leben! Bald sind wir wieder auf dem Rückweg und Heinrich kann in Godenau (Km 38) meine Schuhe anziehen. Ich mache ein paar Scherze darüber, ob ich mir die Kilometer, die er in meinen Schuhen läuft, selber in den Trainingskalender aufschreiben darf :-) Die Strecke von Godenau nach Hause (Sibbesse) kenne ich ja jetzt schon, wobei sie jetzt doch irgendwie schon mehr Höhenmeter zu haben scheint als heute morgen. Am Samstag Nachmittag, also nach 07:36 hh:mm Laufzeit, 50km und 1700Höhenmetern sind Heinrich und ich wieder zu hause.

Durch die lange Hose habe ich wie Sau geschwitzt und bin ziemlich ausgedörrt. Da wir noch riesig Zeit haben, gönne ich mir den ungeheuren Luxus und gehe erst mal kalt duschen. Ahhhh tut das gut. Außerdem ziehe ich mir die kurze Laufhose an und stecke die Stirnlampe ein, da wir erst nach Einbruch der Nacht wieder hier sein werden. Herrlich erfrischt geht's jetzt auf die zweite Runde.

Samstag Nachmittag, Heinrich und Michael vor mir



Der erste Kilometer ist noch der selbe wie auf Runde eins, danach geht's etwas flacher durch die Wälder. Auch die Wege sind etwas breiter, und es kommen jetzt ehr Forstwege als Pfade. Auch das Orientieren ist jetzt leichter, weil die Abzweigungen und Wege nicht mehr so versteckt sind. Bei Km 55 holen Heinrich und ich dann Michael ein, der hier ein bisschen nach dem Weg suchen musste. Wir bleiben erst mal zusammen, obwohl er super fit wirkt. Tatsächlich war er eine Drei-Viertel-Stunde vor uns in Sibbesse gewesen. Aber wir verstehen uns auf Anhieb prima und sind damit erst mal zu dritt. Seine unerschütterlich gute Laune, sein Optimismus und sein froher Mut sind bemerkenswert. Außerdem haben wir beide vor ein paar Wochen den Hollenlauf bestritten, wenn auch ohne uns zu kennen, und dieser Stunt100 ist für uns beide der erste Versuch über die 100 Meilen. Wir haben also viel zu erzählen und dafür auch genug Zeit.

Die Strecke bleibt schwer, vor allem durch die ständigen Höhenmeter. Die fallen allerdings ab Röllinghausen (Km 75) buchstäblich flach, denn jetzt geht's das Leine-Tal entlang. Zu meiner Freude kommt an dieser Station auch noch meine Schwester mit zwei meiner Neffen. Sie haben mich heute morgen am Start überrascht und ich freue mich unheimlich, daß sie jetzt wieder hier sind. Glücklicherweise herrscht schon angenehme Abenddämmerung als wir durch Leinetal kommen; in heißen Jahren muss das Laufen hier sehr schwer gefallen sein. Wir aber kommen zügig zum dritten und letzten mal zur Aidstaion Godenau (Km 82).

Samstag Abend, Mondaufgang über dem Leinetal



Als wir von Godenau wieder aufbrechen geschehen zwei Dinge: erstens bekomme ich fürchterlichen Schüttelfrost. Mir schlagen die Zähne aufeinander, daß ich kaum noch sprechen kann und mich erfüllt eine Kälte, wie ich sie noch nie zuvor gespürt habe. Ich fahre seit 1989 Motorrad, in jedem Winter, bei jedem Wetter, bei Tag und Nacht. Ich war als Wehrpflichtiger bei der Bundeswehr, ich habe so oft gefroren und gezittert, aber das war alles Kinderkram im Verhältnis zu der Kälte, die ich jetzt und hier spüre. Ich versuche grade, durch Bewegung wieder warm zu werden, als das andere Unvorhergesehene eintritt: mir fällt auf, daß ich meine Karte an der Aidstation liegen lassen habe. Grade überlege ich, ob wir nur mit Heinrich's Karte durch die Nacht kommen, als er mit dem Satz: " Ich habe meine auch liegen lassen!" diese Hoffnung zerstört. Freundlicherweise läuft Heinrich für uns beide zurück, während ich noch immer mit meinem Schüttelfrost kämpfe.

Jetzt geht der Mond auf. Ich hatte schon letzten Herbst im Mond-Kalender geschaut welchen Mond wir beim Stunt100 haben würden und freue mich jetzt als der angekündigte Vollmond riesig groß und flach über dem Tal aufgeht. Im Osten, also rechts von uns, liegen die Wälder die wir heute Nachmittag durchquert haben unter dem Sternenhimmel. Im Süden hängt der Vollmond hinter uns und vorne links leuchtet noch das letzte Abendrot. Es ist so traumhaft schön, daß ich mich immer wieder umdrehe um den Mond zu bewundern. Doch ist stutze: so richtig voll ist der Mond gar nicht, unten links fehlt eine Ecke, wie ich enttäuscht registriere. Der Mond steigt langsam höher und als ich mich erneut nach ihm umwende, fehlt schon fast ein Viertel! Ich traue meinen Augen nicht und mache die Anderen aufmerksam. Wir schauen alle zusammen und tatsächlich: der Mond wird immer weiter verdeckt. Es kommt eine Mondfinsternis! Wahnsinn!

Pünktlich zu diesem Ereignis kommt uns Tom auf dem Fahrrad entgegen und bringt mein langes Laufshirt mit, so daß mir nicht mehr ganz so kalt ist. Außerdem haben wir jetzt einen ortskundigen Führer, so daß die Orientierung etwas leichter wird, denn Tom hat den Stunt100 letztes Jahr geschafft. Er hat sich lieber weise bereit erklärt, mich durch die Nacht zu begleiten. Die ist jetzt da und wir hangeln uns von Station zu Station. Nach jeder Pause kehrt der Schüttelfrost zurück und bleibt immer ein paar Kilometer länger. So langsam wird der Lauf lang. Eine spürbare Erholung bekomme ich bei Eberholzen (Km 96) in Gestallt eines schicken neuen BMW, der mit laufendem Motor, bequemem Sitz und warmer Heizung für ein paar Minuten Regeneration sorgt.

Endlich sind wir wieder zu Hause, die 100km sind geschafft.Dafür haben wir gut 16:05 hh:mm gebraucht und jetzt ca. 2700 Höhenmeter in den Knochen. Abgesehen davon, daß wir jetzt zwei Uhr morgens haben und ich mich, ganz vorsichtig gesagt, etwas angegriffen fühle. Um ehrlich zu sein, ich fühle mich scheiße und verfluche die ganze bescheuerte Lauferei. Ich schwöre mehrfach, daß ich nach diesem Unsinn nie wieder laufe, sondern nur noch stricke! Aber während ich so vor mich hin fluche, hat es Heinrich still und leise erwischt: sein Magen macht nicht mehr mit, er ist todmüde und platt. Er muss erst mal schlafen und hofft darauf, später noch jemand anderen zum mitlaufen zu finden. Weg ist er.

Michael, Tom und ich gehen also ohne Heinrich auf die dritte Runde und es geht erst mal ewig (9km :-) abwärts. Wir traben also durch die Nacht sind eigentlich ganz munter, bergab is' leicht! Aber dann, ab Barfelde! Oh weh! Es zieht sich jetzt alles so lang! Mein Schüttelfrost schüttelt mich wieder, meine Kräfte sind am Ende und vom erlösenden Morgengrauen ist noch nichts zu spüren. Das anschliessende Gefälle ist natürlich so flach, daß wir beim Wandern bleiben. Zu allem Überfluss verpassen wir auch noch einen Abzweig und landen auf einem sehr breiten, frisch geschotterten Weg aus lauter faustgroßen, sehr spitzen Steinen, die bei jedem Schritt durch die Schuh- und Fußsohlen zu dringen scheinen. Der richtige Pfad würde ein paar Meter weiter östlich im Wald laufen, statt dessen quälen wir hier unsere Sohlen. Nach dieser Fußschinderei wird wenigstens das Gefälle langsam deutlicher, fast 1°, so daß Michael und ich versuchen noch mal ein Stück zu laufen. Wir befinden uns auf einer langweiligen Vorort-Straße in einem etwas angejahrt wirkenden Vorort von Diekholzen und wir versuchen zu laufen. Eine Laterne geschafft, noch eine Laterne geschafft, wir schaffen fast fünf Laternen, bevor ich zurück in den Wanderschritt muss. Oh weia.

Endlich erreichen wir die Aidstation Diekholzen (Km 116), ein kleines Zelt an einem Sportplatz. Es ist gegen 04:00 Uhr morgens und ich bin total am Ende. Tom fragt für mich nach Kartoffelbrei und, oh Wunder, es gibt welchen und ich probiere zum ersten mal während eines Laufes heißen Kartoffelbrei, frisch aus der Mikrowelle und total versalzen. Das Zeug würde ich in jedem Restaurant zurück gehen lassen aber hier und jetzt ist es ein Hochgenuss und eine Wohltat für den ausgelaugten und durchgefrorenen Körper!

Jetzt kommt die so genannte NightMare on Tosmarbeg, der Teil der Strecke, vor dem ich mich am meisten gefürchtet hatte. Ich hatte Angst vor dunklen Wäldern und Wildschweinen und unheimlichen Geräuschen. Ich hatte Angst, daß ich vor lauter Angst einfach am Waldrand stehen bleibe und mich nicht weiter traue. ALLES BLÖDSINN! Als es vorhin gegen Ende von Runde Zwei dunkel wurde, war ich in bester Gesellschaft von Tom und Heinrich und Michael und war jung und kraftvoll und fröhlich. Jetzt, am Tosmarberg, bin ich so fertig daß ich einen Dreck auf die Wildschweine gebe. Außerdem sind Tom und Michael immer noch unermüdlich an meiner Seite uns stützen mich mit ihrem Mut und ihrer unerschütterlichen guten Laune. Von Angst überhaupt keine Spur, nur Müdigkeit und unendliche Erschöpfung.

Wenn ich hier fertig bin, werde ich NIE, NIE wieder laufen gehen! Der Stunt100 als Qualifikation für den UTMB? Vergiss es! Reunion? Scheiße! Aber trotz allem kommt nicht mal in der hintersten Ecke meines Kopfes die Versuchung aufzugeben. Das Mantra, das ich ein ganzes Jahr bei jedem Trainigslauf immer und immer wieder zitiert habe, hält mich wie ein Bann an die Strecke gebunden. Ich werde ankommen, egal was es kostet, Ich werde ankommen und wenn es das Letzte ist, was ich mache! Ich erinnere mich an einen Tag im Januar, wo ich bei meinem Chef für den Stunt100 Urlaub für Freitag und Montag beantragt habe. Er hat mich scherzhaft gefragt, was ich mache, wenn er ablehnt. Bei meiner Antwort: "Dann kündige ich!" hat er wirklich geschluckt. Zur Abmilderung habe ich dann sofort die Erklärung hinterher geschoben, daß man zu einem 100-Meilen-Lauf gar nicht erst antreten braucht, wenn man irgendeinen Kompromiss dazu in seinem Kopf zulässt. Ich wusste damals noch nicht, wie recht ich damit hatte! Da: etwas Leuchtendes am Wegrand! Was ist das? Ein glühender Ring? Es entpuppt sich als kleines, ringförmiges Knicklicht am Busch. Was hat das hier für eine Bedeutung? Da ist noch eines! Und dann endlich sind wir oben und nach und nach kommt das über und über bunt beleuchtete "Stunt-IN" in Sicht, die Aidstation bei Km 120.

Ab jetzt ist es nur noch ein Marathon und es geht erst mal wieder bergab! Außerdem wird es langsam hell, das hebt meine Laune wieder etwas, auch wenn ich mir mehr Vogelzwitschern gewünscht hätte. Nur eine Taube gurt vor sich hin, mehr Vögel scheint's hier in der Gegend nicht zu geben. Vielleicht bin ich aber auch einfach taub geworden? Mit perfektem Timing zur aufgehenden Sonne wird auch der Weg wieder deutlich anspruchsvoller, ein schmaler Pfad der sich durchs Gestrüpp windet. Wir wandern mit strammen Schritt oder Laufen sogar ab und zu und sind guter Dinge, als ich plötzlich aufwache. Tatsächlich stehe ich auf einmal mitten im Wald, schaue auf meine Karte und bin völlig allein. Wo sind Tom und Michael? Aus welcher Richtung bin ich gekommen und vor allem: wo geht's weiter? Glücklicherweise sehe ich nur ein paar Meter weiter einen der vertrauten weißen Punkte und mache mich, noch etwas verwirrt, an die Verfolgung meiner Gefährten. Die haben inzwischen mein Fehlen bemerkt und warten an der nächsten Waldecke auf mich. Beim Laufen eingepennt, wo gibt's denn so was? Tatsächlich ist jetzt im Augenblick vor allem die Müdigkeit mein Problem. An das Zittern und den Schüttelfrost habe ich mich gewöhnt, außerdem bin ich zuversichtlich, daß beides mit zunehmender Sonnenwärme verschwinden wird. Das mein rechtes Knie und mein linker Unterschenkel weh tun, die Füße durchgetreten sind, ich die die Beine nicht mehr grade machen kann: all das ist jetzt nicht so hinderlich wie die Müdigkeit, die mich wie ein Summen im Kopf umhüllt und benommen macht.

Als wir die Aidstation Diekholzen wieder erreichen (Km 127), setzt ich mich in den Campingstuhl und bin wie erschlagen. Ich lasse den Kopf auf die Brust sinken und bitte darum, in 15 Minuten geweckt zu werden. Aber zu meiner Überraschung wird mir das verwehrt, ich darf nicht in dem Stuhl schlafen. Statt dessen bringt mich einer der Helfer zu dem vor dem Zelt parkenden Anhänger, wo eine Matratze mit Decke bereit liegt! Das Paradies auf Erden! Ich verabschiede mich von Tom, der jetzt doch die Müdigkeit spürt und von hier aus mit dem Rad direkt nach Sibbesse fahren will und bin in der selben Sekunde eingeschlafen.

Eine Viertelstunde später werde ich wie geplant geweckt und versuche aus dem Anhänger zu kriechen. Zunächst setzte ich mich auf die hintere Kante und stelle dann fest, daß meine Knie im 90°Winkel verharren und sich gar nicht mehr grade biegen lassen. Meine Beine fühlen sich an, wie Bauschaum, der grade ausgehärtet ist. Also schiebe ich meinen Oberkörper so weit über meine Füße, bis ich in dieser Stellung "stehe", mit gebeugten Beinen. Tapp, Tapp, Tapp, immer ein kleines Schrittchen nach dem Anderen wie ein Uralter mit Gehhilfe gehe ich voran. Ich bemerke zweifelnde Blicke der Umstehenden und sehe in ihren Augen, daß sie mir kaum Chancen einräumen, die 100 Meilen zu schaffen. Aber bereits nach wenigen 100 Metern bin ich wieder in der Lage zusammen mit Michael stramm zu marschieren und wir sind bald darauf zurück in Barfelde (Km 134).

Sonntag Morgen, zwischen Runde drei und vier



Ab jetzt müssen wir uns ein Bisschen beeilen, etwas mehr Druck auf die Sohlen geben, denn wir haben nur noch acht Stunden Zeit und noch dreißig Kilometer vor uns. Da wir in der Nacht für manchen Kilometer 15 Minuten und mehr gebraucht haben, steht mir jetzt plötzlich das Zeitlimit im Nacken. Also nehmen wir einen flotten Wanderschritt auf und machen uns an den langen Aufstieg nach Sibbesse. Wenig später kommt uns bei Eizum Heinrich entgegen! Er läuft mit freiem Oberkörper durch die Sonne und die Schweißperlen glänzen auf seiner Haut, denn ist tatsächlich richtig flott gerannt! Wo nimmt der denn jetzt diese Power her? Aber er hat gar nicht vor, die dritte Runde noch im Sprint ab zu reißen, sondern ist gekommen um uns zu begleiten. Er selber hat in der Nacht bei Km 109 aufgegeben. Jetzt wirkt er Topfit und eskortiert uns nach Hause.

Dort ziehe ich schnell das lange Oberteil aus und schon geht's wieder los, denn es sind noch die 18km "Endspurt" zu bewältigen. Tom ist jetzt auch wieder bei uns und wir machen uns auf den Weg. Zunächst zieht sich die Strecke über breite Feldwege durch die pralle Sonne. Dann geht's in einem herrlich kühlen Tunnel unter der ICE-Strecke durch in den Wald. Auf dieser Runde ist nur ein einziger nennenswerter Berg zu bewältigen der zwischen der Aidstation und Sibbesse liegt. Immer wieder checke ich jetzt die Uhrzeit, denn da es sich um eine Wende-Strecke handelt, glaube ich für Hin- und Rückweg etwa ähnlich lange zu brauchen. Wenn wir also hin bis zur ICE-Strecke eine Viertelstunde brauchen, sind wir von hier auch in einer Viertelstunde zu hause, und so weiter. Im Wald machen wir noch einmal Pause und lassen uns auf einem Holzstapel nieder, nur fünf Minuten, aber die tun gut. Weiter! Drei Kilometer schaffen wir, dann lockt uns eine Bank am Wegesrand. Dort treffen wir ein altes Ehepaar und der Mann befragt uns neugierig nach unserem Treiben. 100 Meilen zu laufen; 28 Stunden unterwegs; noch zwölf Kilometer vor uns, sind die Eckdaten, die wir ihm bieten können.

Bald drauf sind wir zum dritten und damit letzten mal an der Aidstation Diekholzen (Km 152) und erstaunlicher weise geht es mir jetzt besser als heute morgen. Die 15 Minuten Schlaf haben mich wunderbar erfrischt und ich bin jetzt nicht müde, jedenfalls nicht vom Kopf her. Ich will ES jetzt nur noch im Zeitlimit von 32 Stunden zu Ende bringen. Also los! "Viel Glück!" "Danke, bis nächstes Jahr!" - WAS habe ich da grade in meiner Begeisterung gerufen: "Bis nächstes Jahr!"? Bin ich noch ganz wach in der Birne? Ich wollte doch nie wieder laufen? Innerlich grinse ich über mich selber, denn die mentale Krise der Nacht und der frühen Morgenstunden ist völlig überwunden. Der Körper ist kaputt aber der Kopf ist jetzt heiß auf's Finish.

Vor dem Finish liegen aber noch neun Kilometer und ein Berg. Auf dem Hinweg haben wir von Sibbesse bis hier zwei Stunden gebraucht, also werden wir für die kommenden neun Kilometer mindestens genau so lange brauchen. Immer wieder rechne ich: wir werden gut anderthalb Stunden vor dem Zeitlimit ankommen, wenn Nichts dazwischen kommt. Also sind wir auf der sicheren Seite, können uns aber nicht noch ein Schläfchen, Verläufer oder einen Schwächeanfall leisten. Wir marschieren standhaft bis zu der Bank, wo wir uns vorhin mit dem alten Mann unterhalten haben und machen dort wieder Pause. Der nächste Halt wird der Holzstapel sein und ich sehne ihn schon jetzt herbei. Aber der Waldweg macht eine Biegung nach der anderen und "unser" Holzstapel kommt einfach nicht. Wir zwingen uns eisern weiter zu wandern, an Laufen ist überhaupt nicht mehr zu denken, und halten tatsächlich die drei Kilometer von der Bank bis zum Holzstapel ohne Zwischenpause durch. Oh Mann, ich hätte nie gedacht, daß ich mal stolz drauf bin, drei Kilometer ohne Pause gehen zu können.

Vom Holzstapel bis zur ICE-Strecke geht's erst mal bergab, und da gibt's den kühlen Tunnel. Michael und ich sind uns absolut einig, daß hier in diesem Tunnel noch eine klitzekleine Pause angebracht ist. Ich lege mich einfach auf den Boden und versuche vergeblich meine Beine zu strecken. Weiter. Die heißen Felder warten auf uns und wir müssen uns noch durch die Staubwolke eines Mähdreschers quälen, bevor wir langsam in die Nähe des Ziels kommen. Weit hinter uns sehen wir noch ein weiteres Läufer-Paar. Wollen, können, dürfen die uns einholen? Auf der einen Seite denke ich, daß ein gemeinsames Finish was tolles wäre, auf der anderen Seite kommt aber wie schon so oft jetzt kurz vor dem Ziel noch mal der Ehrgeiz durch. Wenn sie uns einholen machen wir zusammen ein super Finish, aber wenn nicht ist das bestimmt auch gut so. Michael und ich legen also tatsächlich noch mal einen Zahn zu und fallen in den Stechschritt. Natürlich denke ich jetzt an die Erzählung von Markus Weißberg, wie ihm beim Wieder-Anlaufen im Ziel des UTMB eine Sehne gerißen ist und bin entsprechend vorsichtig. Aber da drüben, auf der anderen Straßenseite, im Ziel stehen so viele Helfer und Angehörige und alle sind auf den Beinen und applaudieren und klatschen: "Michael, wir müssen laufen"

Wir brauchen gefühlte drei Minuten um aus dem gestreckten Wanderschritt in's Laufen zu kommen. Naja: Laufen möchte ich es nicht nennen, sagen wir "traben". Aber das geht eigentlich ganz gut. Unter Jubel kommen wir an. Endlich zu hause! EINHUNDERT MEILEN! Wahnsinn! Ich kann nicht sprechen und nichts sagen, denn mir steckt ein riesen Kloß im Hals. Mit größter Mühe lasse ich mich auf einen Stuhl nieder und bin völlig aufgelöst. Mir laufen die Tränen wie Wasser über's Gesicht und ich bin total überwältigt. Ein ganzes Jahr lang habe ich für diesen Moment trainiert. Ich hab mich in den letzten 30 Stunden und 36 Minuten so sehr gequält. Jetzt fühle ich eine Erlösung und Erleichterung die jede Minute dreifach entschädigt. Jemand gibt mir eine Flasche Wasser, und ich trinke die anderthalb Liter in langen Zügen: läuft eh alles aus den Augen wieder raus. Menschen kommen auf mich zu und gratulieren mir: ich bringe keinen Ton raus. Glückwünsche von Gesichtern, die ich unterwegs gesehen habe: ich möchte einfach nur hier in diesem Stuhl sitzen und lächeln.

Sonntag Mittag, Zieleinlauf mit Tom und Michael


Aber irgendwann muss ich dann doch mal wieder auf: Duschen! Danach gehe ich in's Zelt, um mich um zu ziehen und sehe dort eine Liege. Oh ja, denke ich, genau daß brauche ich jetzt. Kaum bin ich in der Horizontalen, bin ich auch schon weg. Alles ist jetzt gut, ich hab's geschafft, mir ist warm und schön und frisch gewaschen und Alles ist gut. Leider findet zu dem Zeitpunkt draußen die Siegerehrung und das gemeinsame Fotoshooting statt. Tom versucht mehrfach mich wach zu rütteln, aber ich bin so weit weg, daß ich es nicht mal bemerke: NO WAY. Nach ca. 30 Minuten werde ich wieder wach und Hansi kommt zu mir und übergibt mir persönlich am Bett meine Urkunde und spricht mit mir. Um ehrlich zu sein: ich kann mich an fast nichts davon erinnern, alles weg. Aber mit irgendwem rede ich über den Kill50 ein Lauf im November hier in der Gegend, soll sehr schwer sein, Nacht, Karte, Höhenmeter, Wildschweine. Ich weiß es nicht mehr so sicher, aber ich glaube, ich habe mich dafür beworben....:-)