2009 Ein nächtlicher Trainingslauf von Elspe nach Burscheid

   geschrieben Juli 2009


Es gibt Projekte, die muss man nicht heute oder morgen machen, aber irgendwie bleiben sie doch auf der Liste. Dazu gehörte für mich ein Lauf von Elspe im Sauerland nach hause. Meine Eltern hatten sich dort in meinen Kindertagen ein Wochenendhaus gekauft und ich verbinde mit diesem Haus sehr viele schöne Kindheitserinnerungen. Als junger Mann habe ich das Haus dann bei mancher Motorrad-Tour mit Sozia genutzt. Denn nach einer Fahrt durch's Sauerland ist mir dann abends zufällig aufgefallen, daß ich zufällig den Schlüssel dabei hatte und dort, oh wunder, der Kühlschrank voll und der Kamin startbereit war :-) Wie gesagt, ich verbinde manche schöne Erinnerung mit diesem Haus. Damals bin ich zwei mal mit dem Fahrrad dorthin gefahren und der Wunsch, die Strecke einmal zu wandern entstand. Seit ich Ultras laufe, habe ich also immer mit dem Gedanken gespielt, einmal von dort zu laufen, aber nie die richtige Gelegenheit gefunden.

Jetzt war es soweit, ein Freund hat mich nach Elspe mit genommen und dort abgesetzt. 16:20 bin ich losgetrabt. Die Ausrüstung war für den UTMB optimiert, zusätzlich hatte ich mir zwei große 1:50.000 Wander-Karten besorgt und natürlich meinen Kompass eingepackt. Zunächst durch den Ort Elspe, von dem böse Zungen behaupten, es gäbe dort nur zwei Straßen: eine zum Rein- und eine zum Raus-Fahren. Tatsächlich aber ist Elspe vor allem für die dort stattfindenden Karl-May-Festspiele bekannt, die ich nur jedem wärmstens empfehlen kann. Tolle Atmosphäre, super Aktion, alles hautnah und zu bezahlbaren Preisen.

Bald hinter Elspe endet der Radweg und die Straße Richtung Finnentrop ist definitiv nicht für Läufer oder Radler geeignet. Laut Karte ist auch dieses Stück Teil eines Radwanderweges, aber in der Realität ist es eine schmale, viel befahrene und kurvige Landstraße ohne Rad- bzw. Fuß-Weg. Gleich neben der Fahrbahn ist eine Leitplanke und dahinter Brennnessel-Gestrüpp. Bei jedem LKW der mir entgegen kommt, und das sind einige, steigt meine Pulskurve. An der ersten Möglichkeit verlasse ich diese Straße und suche einen Wanderweg Richtung Attendorn. Der beginnt allerdings erst ab Dünschede und auch dort finde ich ihn nicht auf Anhieb. Dort gibt es einen kleinen Dorfplatz mit mehreren Wegen, die so halbwegs in die gleiche Richtung zu führen scheinen: wenn Du's mal versuchen willst, nimm den rechten von den zwei wahrscheinlichsten. Zur Sicherheit anbei noch meine Strecke im Google-Earth-Format: Elspe-Burscheid.kmz
 

 

Auch Waldwege können grade sein




Ab hier läuft es sich herrlich und die KM vergehen wie im Fluge. Bald bin ich an der Burg Schnellenberg oberhalb von Attendorn, die ich schon ab und zu bei Besuchen in der Attahöhle von weitem gesehen habe. Dort bemerke ich einen anderen Läufer, der in meiner Richtung läuft und mich am Ortseingang einholt, weil ich mich hier erst auf meiner Karte orientiere. Er spricht mich auch gleich an, denn unsere Ampel zeigt Rot, und interessiert sich für mein Wohin und Woher. Außerdem rät er mir, die Stadt Attendorn südlich zu umgehen und den Damm des Biggesees zu besuchen, der auf meiner Karte eingezeichnet ist. Gesagt getan: bald bin ich buchstäblich auf dem Damm, wobei ich auf dem Weg dorthin noch eine kleine Plauderei mit einem Radler genießen kann, der für die Challenge-Roth trainiert. Sportliche Gegend hier.

Die Dächer der Burg Schnellenberg




Von hier aus führen die Wanderwege, die meine Karte anzeigt, alle irgendwie schräg zu meiner Richtung, aber die Landstraße, die fast genau nach Westen führt, hat einen Radweg. Also folge ich für die nächsten 17km der L539. Dabei kann ich eine Bilderbuch-Wasserscheide erleben, denn der Weg läuft entlang eines kleinen Flusses, der zur Bigge-Talsperre fließt. Der Fluss wird zum Bach und kurz vor Valbert wird der Bach zu einem kleinen Straßengraben, bis er verschwindet. Valbert bildet die Wasserscheide und ich trabe von hier aus wieder abwärts Richtung Meinerzhagen. Da die Landstraße in einem flachen Tal verläuft und von Bäumen gesäumt ist, kann ich zwar vor mir das herrliche Abendrot am Himmel sehen, aber die Sonne selber bleibt mir verborgen. Das kündigt mir deutlich die kommende Nacht an und ich fühle mich, mit einem guten Marathon in den Beinen, auch nicht mehr so frisch wie am Start. Mein Wasser ist alle, ich bin müde und der Gedanke an die Dunkelheit und Einsamkeit macht mich mutlos. In Meinerzhagen gibt's einen Bahnhof; da gibt's Züge nach Köln; ich könnte einfach

Endlich unterquere ich die A45 und kann für eine Sekunde die tief stehende Sonne in meinem Gesicht spüren, dann bin ich am Stadtrand von Meinerzhagen. In Gedanken scherze ich mit mir selber, um mich auf zu heitern. "Meinerzhagen", der Name lädt ein, mit Hagen Siedler von Catan zu spielen. "Mein Erz, Hagen" :-) Ok, sich selber Witze erzählen ist möglicherweise etwas irre, also suche ich nach einer Gelegenheit, meine Trinkblase zu füllen und sehe in der Nähe ein amerikanisches Spezialitäten Restaurant "Zum goldenen M". Normalerweise bevorzuge ich den Würger-King aber M tut's jetzt auch. Eine Cola, Pommes und gefüllter Trink-Rucksack später mache ich mich auf den Weg durch die Stadt. Am Ortsausgang finde ich noch einen kleinen Kiosk, wo ich mich mit zwei Tafeln Schokolade ausrüste.

Als ich die Stadt verlasse, ist es ganz dunkel und ich ziehe mich mit langer Hose und gelber Warnweste für die Nacht um. So will ich bis zur Morgen-Dämmerung wandern. Dummerweise bleibe ich der Einfachheit halber auf der L306, aber meine Wanderkarte zeigt keine sinnvollen Alternativen auf. Vielleicht wäre eine Karte im Maßstab 1:25.000 besser gewesen, aber dann hätte ich mindestens vier oder mehr Karten schleppen müssen. Auf jeden Fall endet der Radweg bald und es geht bergab. Für den Richtung Meinerzhagen fahrenden Verkehr gibt's zwei Spuren bergauf, ohne Mehrzweckstreifen direkt an der Leitplanke entlang. Oh Mann, die rasen hier wie die Blöden hoch, keine Sau sieht mich und ich stelle grade fest, dass ich ECHT ein bescheuert bin, mitten in der Nacht HIER lang zu wandern. Glücklicherweise geht bald ein ganz kleines Sträßchen über ruhige Orte rechts ab und ich komme heile und unversehrt bis zur Lingense-Talsperre.

Kein Bild nur schwarz, zur Verdeutlichung




Entlang der Lingense-Talsperre folge ich dem Uferweg in völliger Finsternis durch den Wald. überall knackt und raschelt es, Augenpaare leuchten im Licht meiner Stirnlampe und ich habe Angst vor Wildschweinen. Aber es geht voran und ich erreiche den Rand der ersten von meinen beiden Karten. Voller Stolz packe ich sie zusammen und hole die andere raus. Jetzt muss ich nur noch bis auf die Rückseite kommen, und dann bin ich schon fast da. (etwas über 1 Meter).

Ich ziehe jetzt entlang der B237, die langweilig aber wenig befahren ist. Außerdem hat's hier einen Radweg. Ab Ohl würde ich eigentlich gerne auf dem Südufer der Wipper einem Wanderweg folgen, aber den finde ich erst ab Böswipper. Von hier bis Wipperfürth habe ich eigentlich den schönsten Teil meiner Reise, ein Waldweg am Fluss. Bei Licht bestimmt herrlich, bei Nacht nicht zu abenteuerlich und leicht zu wandern. Bis hier her bin ich gut 11h unterwegs und habe etwa 70km geschafft. Nicht der Brüller aber ok. Außerdem wird es bestimmt irgendwann hell werden.

Kein Bild nur schwarz, nur Tageslichtbilder wären öde :-)




Von Wipperfeld aus folge ich der B506. Gut ausgebaut und mit Radweg an der Seite ist sie hier die erste Wahl um mich rasch an mein Ziel zu bringen. Natürlich könnte ich aus diesem Weg viel mehr rausholen; kleinere Pfade, tieferer Wald, mehr Höhenmeter, etc. aber jetzt geht's erst mal darum, überhaupt die Strecke zu schaffen. Außerdem sind 100 Nacht-Km für einen einsamen Trainingslauf auch ganz in Ordnung, ohne weitere Genüsse ein zu bauen.

Dann komme ich zu einem Ort mit dem sehr treffenden Nahmen "Lahmsfuß", wo ich mich entscheiden muss, ob ich die Dhünntalsperre im Norden oder Süden umgehen will. Es ist immer noch dunkel und von Morgengrauen oder Vogelzwitschern noch keine Spur. Auf der Nord-Route sind einige gekennzeichnete Wanderwege sichtbar, die allerdings deutlich profiliert sind. Daher entscheide ich mich für die leichtere Süd-Variante und wandere bis in den Ort Bechen ohne große Höhenmeter auf der B506 weiter.

Der Altenberger Dom wird sichtbar


Hinter Bechen mache ich noch einmal richtig Rast, esse und trinke ausgiebig und ziehe mich wieder für den Tag an, denn die Sonne ist da! Ich verlasse hier die Bundestraße und nach wenigen Km und einigen Höhenmetern kann ich ab dem Ort Scheuren einen wunderbaren Waldpfad das Pfengsbachtal entlang laufen. Es geht mir prima, keine Blasen, keine Schmerzen. Ich bin fast wieder in bekanntem Gebiet und meine Laune ist glänzend. Wie der Wind laufe ich den schmalen Wanderpfad entlang und bin euphorisch. Dann sehe ich den Altenberger-Dom durch die Bäume schimmern und weiß, daß ich ab da wieder auf bekanntem Gebiet bin. Ich überquere das Dhünntal bei Altenberg und weiß, daß nur noch diese eine letzte Steigung zu machen ist.

Dann bin ich da. Endlich. Nach 15:30 hh:mm, 97km und etwa 1100 Hm habe ich es geschafft.

Fazit: so macht Training Spaß!