2009 Tagebau Umrundung bei Nacht

   geschrieben Mai 2009

Der Braunkohle-Tagebau ist ein etwa 50km² großes Loch. Viele Details dazu gibt's auf Wikipedia, auch Bilder. Was es auf Wikipedia oder dem Rest des Internets nicht gibt, ist ein echter eigener Eindruck dieser riesigen Wunde in Mutter Erdes Haut. Ich persönlich halte das Verfeuern von Kohle für eine Technik der Urmenschen, die immer noch zu verwenden wir uns schämen sollten. Wer Windräder für eine Verschandelung der Landschaft hält, möchte sich bitte diesen Krater anschauen. Wer den Flächenverbrauch von Solaranlagen als Argument verwendet, soll sich diese Mondlandschaft anschauen. Und wer sich zuhause von einem Windrad gestört fühlt, kann gerne mit den Bewohnern der Orte tauschen, die hier dem Tagebau schon zum Opfer gefallen sind oder noch werden.

Also: unser Monster ist riesig, hässlich und grausam: aber ein echtes Abenteuer wird erst draus, wenn die Nacht kommt.
 

Markus schaut erst mal auf die Karte


Um 20:00 kommen wir am Aussichtsplatz an und parken auf dem Parkplatz. Nach einem kurzen Blick über den Rand und auf die dort bereit stehende Karte starten wir zur Umrundung des Tagebaus.
 

Auch Autobahnen müssen weichen, wenn der Tagebau kommt



Am Anfang folgen wir einer ehemaligen Autobahn, die hier mal gewesen ist, später werden es Feld- und Radwege. Plötzlich schlage ich mir an den Kopf: ich habe meine Stirnlampe vergessen! Und damit wir die Nachtwanderung auch wirklich als solche erleben können, hat Markus seine Lampe ebenfalls zu hause vergessen. Das kann ja heiter werden!

Die Wege bleiben leicht, denn es ist Sommer und es bleibt lange hell. Wir suchen immer Wege, die uns am Tagebau-Rand entlang bringen. Zwar habe ich einen Blackberry dabei, auf dem ich mir mittels GPS-Schnickschnack und Google-Earth die aktuelle Position anschauen kann, aber das zeigt natürlich nicht die aktuelle Situation. Der Tagebau wird an der Seite, auf der wir grade sind, ab gebaggert und an der anderen Seite des Loches mit dem Abraum wieder verfüllt. Da das Satellitenbild auf Google nicht tages-aktuell ist, laufen wir laut Handy mitten durch einen Ort, der in Wirklichkeit schon lange weggeräumt ist. Noch deprimierender ist es ein Dorf weiter, wo leere Häuser auf den Abriss warten: gruselig ist gar kein Ausdruck! So sieht die Karte mit OpenStreetMap derzeit aus:

 

 

 

 

 

Danach steuern wir wieder südwärts, auf die hellen Lichter des Kraftwerks zu. Allerdings versperrt uns hier ein mehrere Hundert Meter langer Lagerplatz für Braunkohle, und die Transportstrecke zum Kraftwerk den weiteren Rundweg, so daß wir vor dem Kraftwerk etwas nach Osten vom Kurs abweichen müssen. Danach hangeln wir uns durch die rekultivierte Landschaft und frisch angelegte Felder zurück in Richtung Tagebau Rand. Wir folgen dabei nach wie vor gut befestigten Wegen, und Markus vermutet hier, entlang einer Baumlinie, die Trasse der späteren Autobahn.

Der Weg wird immer schmaler und schließlich zu einer frisch gemähten Spur im Hüfthohen Grünzeug. Dann kommen wir auf ein völlig freies Feld, das wohl erst vor wenigen Wochen bepflanzt worden ist. Wir entschließen uns, dem einige Hundert Meter westlich von uns liegenden Tagebaurand einfach grade über das Feld zu folgen, als plötzlich zwei dicke Schatten im Mondlicht vor uns auftauchen: Wildscheine! Oh verdammt, ich hasse die Viecher! Wir entfernen uns vorsichtig seitwärts und verlieren auf diese Weise natürlich den Rückweg. Das Feld endet schließlich in einer Tagebau-typischen Wüste: große Sandberge vor uns, hüfthohe Neuanpflanzung (wahrscheinlich voller Wildschweine) links und der Tagebau-Rand rechts. Mein Herz hängt in der Hose, ich fühle mich sehr unbehaglich und ich habe Angst. Wir klettern auf den einen gut ca. 6m hohen Erdhaufen um uns ein wenig Überblick über die Lage zu verschaffen. Da oben habe ich zwar deutlich weniger Angst vor den Viechern, aber große Sorge, der Hügel könnte irgendwie ins Rutschen geraten. Mir wäre es am liebsten, wenn wir einfach bis zur ersten Morgendämmerung hier oben bleiben würden, schließlich wird es in zwei Stunden hell. Es lässt sich nicht abstreiten: Nachts bin ich einfach ein Feigling.

Bagger in der Nacht


Ich überlasse dem wesentlich souveräneren Markus die Führung und wie überqueren die Sandwüste in der von Ihm angegebenen Richtung. Die Situation erinnert mich stark an die Brocken-Challenge 2006, wo ich im dichten Nebel leise lamentierend hinter ihm her gelatscht bin. Nach gefühlten zwei bis drei Ewigkeiten und gemessenen 30min sind wir wieder auf eine richtigen Weg. Ich könnte den Boden knutschen vor Erleichterung. Ein richtiger, fester, asphaltierter Weg, der auch noch genau in die Richtung führt! Es scheint kein Fehler zu sein auf Nachtwanderungen in unbekanntem Gelände einen Vermessung-Spezialisten mit zu nehmen :-)

Die letzten Km vergehen wie im Flug und sogar die Sterne kommen noch mal richtig raus. Bald sind wir wieder zurück auf dem Parkplatz und auf dem Heimweg.

Fazit: Geile Sache!

 

Kleine Ergänzung: im Juli 2009 haben wir den selben Spaß noch mal mit einer etwas längeren Strecke (70km) gemacht.