2009 Wetter-Stein Nacht-Trainings-Lauf

   geschrieben August 2009

Diese Woche bin ich beruflich in München, eine seltene Ausnahme, die ich nutzen muss: Mittwoch Abend sitze ich im Zug nach Garmisch-Partenkirchen. Der Zug ist pünktlich um 20:00 am Bahnhof und ich gehe erst mal in den Burger-King, um mich für die kommende Aufgabe zu stärken. 20:30 trabe ich von dort aus an der Partnach entlang flussaufwärts. Das was ich jetzt vorhabe, erinnert mich an den Trail-Läufer-Test, den ich vor Jahren mal auf der WebSite des Stunt100 gefunden habe:

Frage 7: Laufen oder Arbeiten:
o Dir reicht die Mittagspause für den Deinen Lauf (-1)
o Du hast eine Konferenz verpasst, weil die Trainingsrunde etwas länger war als gedacht (+1)
o Du hast mehr als einen Arbeitstag versäumt, weil die Trainingsrunde etwas länger war als gedacht (+2)
o Du absolvierst Deine in-der-Mitte-der-Woche-Bergläufe während Krankheitstagen (+3)
o Dein gesamter Urlaub geht für die Reisen zu Trail-Rennen drauf (+4)


Heute Nachte werde ich meinen ersten " Mitte-der-Woche-Berglauf" machen, natürlich ohne Krankfeiern! Bald ist die Partnach-Klamm erreicht, ein nasser, sehr lauter, tunnelartiger Weg kurz über der brausenden und brüllenden Strömung der Partnach, die sich hier durch eine nur wenige Meter breite Engstelle preßt. Durch die wohl 40, 50m hohen Klammwände ist es hier stockfinster und ich bin froh, daß ich meine Stirnlampe schon anhabe, als mir aus der schwarzen Tunnelöffnung ein Downhill-Biker entgegen zischt. Das Felsdach ist tief über meinem Kopf und ich blicke immer wieder mit Staunen und Schrecken in die wilden Wellen runter und die topfenden Wände hoch.

Bald weitet sich das Tal wieder und ich beginne von hier aus mit dem eigentlichen Aufstieg zur Meilerhütte, eine feste Berghütte in 2374m auf einem Paß über das Wetterstein-Gebirge. Ich sehe eine Wander-Markierung, daß es ab hier noch fünf Stunden bis dorthin sind. Der Weg steigt in steilen Serpentinen den Bergwald hoch und gibt immer wieder einen wunderschönen Blick auf die Lichter von Garmisch, weit unter mir, preis. Seltsamerweise habe ich hier relativ wenig Angst. Gibt es Wildschweine in den Alpen? Keine Ahnung aber ich war als Heranwachsender oft in den Bergen und habe hier immer einfach zwischen den Latschen geschlafen und mich immer sicher gefühlt. Diese Sicherheit spüre ich auch jetzt noch irgendwo in mir. Klar, ich bin ein Schisshase, ich weiß. Ich fürchte mich, wenn ich alleine bin, ich hab' Angst in der Dunkelheit und jetzt wandere ich schnellen Schrittes alleine Nachts durch einen wilden Bergwald. Trotzdem hält sich meine Angst in Grenzen. Ich denke mit einem gütigen Lächeln an die Gelegenheit zurück, wo ich mich in der Vorbereitung des Stunt100 an dunkle Wälder gewöhnen wollte, und am Waldeingang schlicht nicht weiter konnte. Wo meine Beine sich weigerten, ein braves Vorstadt-Wäldchen zu betreten. Da hat das Psycho-Training inzwischen definitiv geholfen!

Nach einiger Zeit sehe ich die Lichter der Hütte am Schachen auf 1870m über mir und freue mich. Beim vorbeilaufen sehe ich noch einige Männer im Schankraum sitzen und überlege kurz, eine Cola zu trinken, lasse es aber. Ich habe Sorge, daß die mir mit der Bergwacht drohen und mich an meinem Unterfangen hindern werden. Deshalb laufe ich einfach dran vorbei und bin jetzt auf der "Steine-mit-Gras-Höhe", so daß ich die umliegenden Bergketten und Höhen in voller Majestät bewundern kann. Es ist windstill und sternenklar und ich komme der eigentlichen Wettersteinwand immer näher.

Es gibt jetzt ab und zu Stellen, wo es rechts oder links oder beides sehr weit und steil runter geht und mir kommt

Frage vier des Trail-Läufer-Tests in den Sinn: Gefahren wegen der Streckenbeschaffenheit:
o Du bist hingefallen und hast Dir auf dem Bürgersteig das Knie verschrammt (-1)
o Du hast Dreck im Mund und in der Nase (+1)
o Du darfst nicht stürzen - das wäre Dein sicherer Tod (+2)
Bei diesem Trainingslauf würde ich die vollen zwei Punkte sicher bekommen.

Es riecht hier intensiv nach Ziege und ich bemerke immer wieder Losung. Steinböcke? Sind die gefährlich? Ich rede ein bisschen mit mir selber und die Angst vergeht. Dann bemerke ich, daß hinter dem Wetterstein-Kamm der angekündigte Vollmond scheinen muss, denn ich sehe den scharfen Schatten des Grates auf den Felsen abgezeichnet. Jetzt kann es nicht mehr weit sein, denke ich und lege den Kopf sehr weit in den Nacken, um die Passhöhe gegen den Sternenhimmel zu erkennen. "Oben werde ich den runden Vollmond über dem Gebirge sehen" freue ich mich, und serpentiniere die Felskehren hinauf.

Punkt Mitternacht bin ich auf der Passhöhe auf der Terrasse der Meilerhütte und der Moment raubt mir schier den Atem: eine perfekte Gebirgskulisse und sternenklarer Himmel, darüber der weiße Vollmond und es ist absolut windstill. Nicht das allerkleinste Geräusch ist zu hören und auch ich schweige andächtig. Es ist perfekt, alles ist perfekt, ich bin begeistert und betroffen und ein bisschen stolz und ein bisschen traurig, daß ich's schon geschafft habe. Nur 3:30h:mm und schon alles vorbei. Aber ich reiße mich zusammen, denn ich will die Nacht nicht vor dem Morgen loben: vor mir liegt ein langer, schwerer Abstieg; gut 1500HM.

Also schnalle ich den Rucksack ab und nehme leise die Trinkblase heraus. Damit schleiche ich mich, auf der Suche nach Trinkwasser, durch die stille Bergehütte. Irgendwo schnarcht jemand. Weder auf der Toilette noch in der Gaststube finde ich einen Wasserhahn und gehe wieder raus in die Sternen-Nacht. Kühl ist es hier, denke ich und ziehe meine Jacke an. Dann fülle ich die Trinkblase einfach in der Regentonne: es wird mich schon nicht umbringen. Dann esse ich noch meinen Riegel, den ich mit gebracht habe, und beginne den Abstieg.

Auf dem Weg rauf musste ich zu 90% wandern, aber hier scheint der Pfad leicht zu laufen, also trabe ich voller Zuversicht in das mond-durchflutete Hochkar. Sekunden später stehe ich an einer sehr glatten Stelle, wo es mehrere Meter steil runter geht: Pfad verpasst. Ok, also Augen auf und konzentrieren, denn ich bin noch lange nicht heile wieder unten! Ich drossele mein Tempo etwas und bin vorsichtiger, trotzdem wird mir bald warm, so daß ich meine Jacke wieder ausziehe. Der Schmale Pfad zieht sich jetzt sehr weit zur anderen Talseite und als ich diesen Verlauf auf meiner Karte nachkontrollieren will stelle ich zu meinem Schrecken fest, daß die Karte weg ist. Ich hatte sie beim Jacke-Ausziehen aus der Hand gelegt. Verd.. also wieder hoch. Ich steige gut 100hm auf und finde die Karte glücklicherweise auch wieder. Ohne Karte in völlig unbekanntem Gebiet Nachts im Gebirge: das muss jetzt erst mal nicht sein.

Der Pfad führt sehr nah an die steilen Wände, die das Tal im Süden begrenzen und dort höre ich zu meinem Schrecken immer wieder deutlichen Steinschlag. Wahrscheinlich sind dort oben nur ein paar fröhliche Gämsen unterwegs und es rieseln bestimmt auch nur winzigkleine Steinchen aber da das ganze Tal voller Geröll liegt, frage ich mich, wo das wohl herkommt, wenn nicht von oben? Hätte ich einen Steinschlaghelm mitnehmen sollen? Bin ich in akuter Gefahr oder mal wieder einfach feige? In der Stille der Nacht bemerke ich nun, daß auch auf der nördlichen Talseite immer wieder dann und wann das Klackern von fallenden Steinen ertönt und werde noch mulmiger. Ok, es ist weder das dumpfe Bumsen von großen Brocken noch das Prasseln von ganzen Abgängen. Und die Chance, daß ein einzelner fallender Stein ausgerechnet mich kleines Menschlein in diesem riesigen Gebirge treffen soll ist doch wirklich minimal: da könnte ich gleich Lotto spielen. Mmm, ich spiele gelegentlich Lotto? Egal, einfach mal die Fresse halten und weiter.

Bald habe ich andere Sorgen, denn der Steig verläuft in sehr schmalen Serpentinen und erreicht irgendwann die Latschen-Gegend. Das bedeutet, daß der Pfad nicht mehr nur aus Steinen und Geröll besteht, sondern auch aus Gras und Wurzeln und schwarzer glitschiger Erde. Außerdem ist alles nass. Das ist eine üble Kombination denn ein unachtsamer Moment und ich trete zu weit auf den erdigen Rand des Pfades und rutsche ab. Reflexartig werfe ich mich mit dem Oberkörper auf den Pfad und versuche verzweifelt, mich an lockeren Steinen und rutschigen Wurzeln zu halten. Es gelingt und ich ziehe mich wieder auf den Pfad zurück. Mein Schienbein ist etwas aufgeschlagen und der Adrenalinstoß hat mich wieder völlig wach gemacht. Das darf nicht noch mal passieren, es geht hier immer noch steil bergab! Die nächste Serpentine wäre locker fünf bis sechs Meter tiefer gewesen. Zitternd vor Schreck gehe ich sehr vorsichtig weiter, da rutscht beim nächsten Schritt ein ganzes Stück Boden unter meinem Fuß weg und ich rudere abermals panisch nach Halt. Jetzt bluten beide Schienbeine und ich bin mit den Nerven fix und fertig. Als ich keine zwei Minuten später an einer Gedenkstelle mit brennenden Grablichtern vorbeikomme beruhigt mich das auch nicht. Hier ist 1993 eine 16-Jährige tödlich verunglückt, lese ich. Ob die wohl auch bei Nacht hier runter wollte? Oder war's ein Wettersturz?

Der Pfad steigt bis in den dichten Wald ab, wird breiter und mündet endlich in einen Forstweg. Ich suche mit Karte und Kompass nach der Richtung und bemerke die Kuhherde um mich herum. Sie Atmen so laut, wie nur Kühe in der Nacht schnaufen können. Ich versuche, sie so wenig wie möglich mit meiner Stirnlampe zu blenden, denn die Rücken der Tiere sind auf meiner Schulterhöhe und die Hörner einfach riesig. Aber sie stehen nur da und schnaufen. Wahrscheinlich mahlen sie die Gedanken, was ich wohl für ein Wesen bin und ob ich etwas für sie zu bedeuten habe, genauso gemächlich und gründlich wie ihr Futter zwischen den Zähnen.

Dann bin ich auf der Straße im Leutaschtal. Eine richtige, flache, fest Teerstraße. Ich habe vom Bahnhof Garmisch bis hier genau sechs Stunden gebraucht und bin noch fit. Wäre auch schlimm wenn nicht, denn das hier war nur EIN Höhenkamm: beim UTMB in drei Wochen werden es ZEHN sein! Da die Brücke über die Leutasch weg ist, folge ich einfach der Straße Richtung Osten für einige Kilometer bis zum Einstieg in die Leutasch-Klamm.
In der Leutasch-Klamm gibt es auch einen schönen Weg, allerdings nicht wie bei der Partnach-Klamm dicht über dem Wasser in den Fels gehauen, sondern ein Gittersteig hoch über darüber. Jetzt gönne ich mir zum Abschluss dieser geilen Nacht noch mal ein besonderes Schmankerl: ich laufe den Gittersteig über die schäumenden, brausenden Wasser ohne Stirnlampe nur im Schein des Mondes. Wahnsinn. Die Gitter sind einfach an den Fels gebaut und der Boden besteht auch aus Gittern, so daß ich den reißenden Klammbach unter meinen Füßen sehen kann. Besonders auf den Brücken über den Fluss ein tolles Gefühl!

Aber auch das ist wieder viel zu schnell vorbei und nach fast genau 8h und 40km erreiche ich den Bahnhof Mittenwald, von wo ich jetzt in's Büro zurück fahre. Dort dusche ich und sitze morgens pünktlich an meinem Schreibtisch, lächele und tue so, als ob es eine ganz normale Nacht gewesen wäre.

 

 

 

In der Partnachklamm war kein GPS-Empfang, sonst nur geil!

Fazit: Der Hammer! Maximaler Suchtfaktor! Ich muss in die Berge ziehen!