2002 Das Gefühl, der Erste zu sein

  geschrieben Winter 2001 / 2002
Ich liebe das Gefühl der Aller Erste zu sein.

Ok, ich gebe zu, daß ich das natürlich nicht in einem Wettbewerb oder gar Marathon schaffe, dafür bin ich viel zu trainigs-faul und schlapp aber zumindest schaffe ich es manchmal beim Training der erste zu sein.

So zum Beispiel am letzten Sonntag. Damit ich wenigstens am Wochenende etwas Zeit mit meiner Familie verbringen kann, habe ich beschlossen, morgens in aller Frühe laufen zu gehen. Da ich auf Marathon und mehr hin arbeite, muss und will ich also mindestens 30 Km laufen. Um also gegen zehn mit Brötchen zu hause zu sein, klingelt mein Handy mich um fünf aus den Federn.

Mein Handy nehme ich wegen der schöneren Melodie. Montags bis Freitags gibt's das widerliche PIEP PIEP PIEP PIEP des Weckers und Sonntag lasse ich mich von einem netten Lied aus dem Handy wecken, damit ich mich nicht wie unter der Woche fühle

Ich ziehe mich also an, und schwinge mich ins Auto. Natürlich könnte ich auch zum See joggen, aber dann müsste ich die Banane und den Liter Wasser auch die ganze Zeit schleppen. (Ich gestehe, ich bin einfach ein fauler Sack!)

Und dann ist es da, dieses Gefühl der Erste zu sein. Der Parkplatz ist leer, kein einziges Auto weit und breit, herrlich! Na gut, die Sache hat auch Haken. Zum Beispiel ist jetzt im Winter stockfinster und eiskalt. Außerdem habe ich Angst vor Wildschweinen, seit ich auf genau diesem Parkplatz eines dabei beobachten konnte, wie es den Mülleimer bearbeitet hat. Aber von solchen Kleinigkeiten abgesehen ist es einfach wunderschön die Waldwege in absoluter Stille zu laufen und nur meine Schritte und meine eigenes Gähnen, ich meine Atmen, zu hören.
 
Meine kleine Stirnlampe stanzt ein winziges Schlüsselloch in die Finsternis um mich von den Baumwurzeln zu bewahren. Ich würde durch das Sternenlicht wahrscheinliche ohne Lampe mehr sehen, aber mit Lampe sehen mich die Schweine früher und können also nicht überrascht werden. (Man hat mir mal gesagt, Wildschweine würden Menschen im wesentlichen meiden und nur dann aggressiv reagieren, wenn sie plötzlich überrascht werden.) Trotzdem drehe ich bei jedem Knacken um und starre angestrengt ins Dunkel. Die Biester tragen nämlich ihrer seits leider keine Stirnlampen!

Gegen sieben trifft mich dann meist der erste schwere Schock. Schlagartig steht aus dem Dunkeln der erste Spaziergänger vor mir. Mein Pulsmesser fängt an hektisch zu piepen, oberes Limit erreicht. Aber es kommt noch schlimmer: plötzlich springt aus dem schwarzen Gebüsch neben mir ein Hund. Knapp an der Herzattacke vorbei wird mir klar, daß bei Spaziergängern um diese Zeit fast immer Hunde sind. Ich sollte jetzt die Lampe ausmachen, denke ich, da ich dann die verdammten Fußgänger wenigstens genauso erschrecke, wie die mich. Gesagt getan, ich laufe im Dunkeln. Wie schlecht dieser Gedanke war zeigt sich als ich dem nächsten Spaziergänger begegne und der vor Schreck laut aufschreit. Das war dann wohl die zweite Herzattacke für heute.

Als es endlich dämmert, mache ich erst mal eine Pause am Auto um meine Banane zu futtern und in Ruhe zu trinken. Inzwischen sind ca. zehn andere PKW hier und als ich auf die zweite Runde gehe, ist alles wie immer. Ich bin nicht mehr der erste, nicht mehr alleine. Ich jogge noch in Ruhe weiter und bedauere, daß ich heute gar keine Schweine gesehen habe. Schwein gehabt.