2001 Polarnacht für die Seele

  

  

   geschrieben November 2001

Im Sommer bin ich morgens vor der Arbeit gelaufen. Es war noch still in der Stadt und der See, um den ich vorzugsweise laufe, lag wie ein kühler Spiegel in seinem Tal. (Ich rede hier vom Berliner Grunewald im Allgemeinen und dem Schlachtensee / Krumme Lanke im Speziellen)

Es war so schön, diese Frische vor der staubigen Hitze des Tages mit langen, federnden Schritten ein zu atmen. Der Tag fing für mich voller Musik an, und ich war ausgeglichen und voller Unternehmungslust.

Manchmal lief ich auch spät nachmittags wenn lauter entspannte Menschen ihren wohlverdienten Feierabend am Seeufer auf ihrem Handtuch verbrachten. Manche machten einen kleinen Scherz, wenn ich vorbeilief. Ich hörte die Kinder lachen und kreischen, wenn sie im Wasser tobten

Etwas besonderes waren auch die späten Sommerabende. Die letzten Sonnenstrahlen färbten den Himmel golden und blendeten mich auf dem Hinweg, wenn sie waagerecht in mein Gesicht schienen. Die Menschen saßen am Straßenrand in den Cafés und Biergärten und ihre Fröhlichkeit klang zu mir rüber. Auf dem Heimweg waren die frühen Sterne vor mir und das Abendrot verlängerte meinen Schatten bis in die Nacht vor mir

 

  

Jetzt ist es dunkel und der Regen schlägt an die Scheiben, wenn mein Wecker mich aus dem warmen Bett holt. Sein schrilles Piepen schneidet wie durch schwarze Watte in meine Träume hinein. Es ist kalt und das Aufstehen fällt unendlich schwer, als wären meine Glieder nur mit kaltem Sand anstatt mit Blut gefüllt

In der S-Bahn sitzen die Menschen im Neonlicht mit ihrem hässlichsten Montag-morgen-Gesicht und schauen aneinander vorbei. Ich bin erleichtert, wenn die Bahn in den U-bahn-Tunnel fährt, denn dann wird das verregnete leere Dunkel von den vorbei rasenden Betonwänden ersetzt

Auf der Arbeit lenken nur die Probleme von dem bleigrauen Tag außerhalb ab, der sich wie ein Bettler vor dem Haus vorbei drückt

Lange vor Feierabend kehrt die Nacht zurück und der Gedanke an den schwarzen Schlamm im Wald macht die Entscheidung zum Training nicht leichter.

Das ständige Gefühl, nicht so viel wie nötig zu trainieren verstärkt die Depression und die Polarnacht schließt sich hinter mir