2003 Mein erster Ultra-Marathon

  Rheintal-Ultra 2003 Koblenz nach Bingen

  

   geschrieben Herbst 2003

Wow, was für ein überwältigendes Erlebnis. Ich habe es geschafft, ich bin jetzt ein Ultra-Marathoni. Das hört sich an, als wäre es etwas Unerreichbares, als könnten nur wenige besonders Auserwählte sich mit diesem Titel schmücken, dabei ist es eigentlich ganz einfach. Einfach einen Schritt nach dem Anderen laufen, bis das Ziel erreicht ist. Immer einen Schritt nach dem Anderen. Das ist schon alles.

Ok, jetzt die Vollversion:

Anreise:

Mein Wecker stand auf 04:00, aber ich war schon vorher wach. Ich wollte meine Familie nicht unnötig wecken und habe ihn, als er loslegen wollte, abgeschaltet.

Meine Sachen hatte ich schon bereit gelegt, das Anziehen ging schnell und leise. Dabei habe ich die Wärme im Schlafzimmer genossen, hörte das Atmen meiner Frau und das leise Schmatzen, wenn mein Sohn im Schlaf an seinem Schnuller saugt.

Ich bin hellwach und ganz ruhig und klar. Heute ist der Tag, für den ich so lange trainiert habe, es ist soweit. In wenigen Stunden beginnt der Rheintal-Ultra-Lauf von Koblenz nach Bingen. 67 Km am Rhein entlang. Mein erster Ultra.

Ich schmiere mir ein paar Schwarzbrote für die Fahrt, trinke viel und bin bereit. Draußen ist es schon herbstlich kühl, aber trocken. Der Wetterbericht hatte seine Meinung zum heutigen Tag im Laufe der Woche immer mal wieder geändert, aber was soll's: das Wetter soll mich nicht aufhalten.

Die Fahrt nach Koblenz ist für mich ein Weg in die Vergangenheit und Zukunft auf einmal. Dort habe ich vor vielen Jahren meinen Wehrdienst abgeleistet. Eine Zeit die oft hart, aber auch voller wichtiger Erfahrungen für mich war. Zum ersten mal weg von Zuhause, zusammen mit lauter anderen werdenden Männern. Wir haben geglaubt wir können alles, wissen alles und sind unschlagbar. Ich habe in dieser Zeit Dinge getan, die Erwachsenen so blödsinnig erscheinen, daß sie nicht nachvollziehbar sind. Und trotzdem lächele ich heute bei den Erinnerungen, als ich, wie damals im Dunkeln vor Sonnenaufgang, die Strecke nach Koblenz fahre. Ich fahre an der Kaserne vorbei und dann die Straße, die von dort zum Bahnhof führt. Junge was war ich damals verrückt (grins).

Aber eigentlich bin ich immer noch nicht so ganz normal, schließlich will ich heute 67 Km laufen, DAS wäre mir selbst beim Bund nicht eingefallen. Ich parke im Bahnhofsparkhaus, nehme meinen Beutel und lasse die Vergangenheit hinter mir, ab jetzt kommt die Zukunft.

Start

Nach einem kurzen Fußweg zum Deutschen-Eck, da wo die Mosel in den Rhein fließt, bin ich am Start. Ein paar andere Starter sind schon da, und stehen in kleinen Grüppchen zusammen. Die scheinen sich alle zu kennen und ein paar Gesprächsfetzen dringen zu mir: ...das Zeitlimit von 37 Stunden war einfach zu kurz...; oder: ...ab Kilometer 85 wurde es richtig hart.... Ich stelle mir die Frage, ob ich hier nicht doch irgendwie in der falschen Liga starte.

Stephan erkenne ich gleich (Haare habe also auch Vorteile!) und so höre ich auch die Namen der Anderen, die mit ihm zusammen stehen. Auch Wolfgang und Elisabeth, die mir beide so ermutigende Kommentare auf dem Steppenhahn geschrieben haben, kann ich namentlich begrüßen.

Bei der Startbesprechung löst Wolfgang etwas Erstaunen aus, als er ohne mit der Wimper zu zucken, von einer Baustelle bei Kilometer fünfhundertsoviel spricht. Uuhps, ich will doch bloß bis Bingen? Aber er klärt uns gleich auf, er spricht von den Rhein-Kilometern.

Diese Strom-Kilometer sind wirklich eine tolle Sache. Nach jedem Kilometer steht auf beiden Seiten des Rheins in mannshohen Zahlen eine solche Streckenangabe. Da wir bei Strom-Km 593 starten, kann man also jederzeit sehen, wo man grade ist. Alle hundert Meter ist noch mal eine Tafel mit der Dezimalstelle, besser gehts wirklich nicht!

Die ersten KM

Bis zur ersten Verpflegungsstelle bei Km 10 schließe ich mich der Gruppe um Stephan an. Das Trinken klappt gut, laufen ist prima, weiter gehts. Und schon wieder überrascht mich jemand, als ich nach der Uhrzeit frage und die Kilometerangabe als Antwort bekomme; waas, soo spät schon?, denke ich: zwei Stunden für die ersten 10 Km gebraucht? Aber es klärt sich gleich auf, es ist NEUN-Uhr-nochwas und wir sind bei Km zehn, das ist so wies sein soll

Danach zieht sich die Gruppe immer länger, Koblenz liegt hinter uns und das Rheintal wird immer schöner. Ich schließe zu einem Läufer auf, der mir schon beim Start aufgefallen war. Sein T-Shirt vom MDS macht einfach mehr her als meines von Köln-Marathon;-)

Der Läufer stellt sich als Bernhard

Bernhard vor der Loreley

heraus, und wir haben beide schon Berichte des Anderen gelesen. Wir verbringen ein paar Stunden laufend und plaudernd, lernen einander kennen und passieren so die Loreley.

Das waren sicher mit die schönsten Laufstunden meines Lebens!
                   

  

Die Organisation

Der Rhein zeigt sich von seiner aller besten Seite, das Wetter ist herrlich und der Support vom Orga-Team lässt sich nicht weiter steigern. Alle 10 Km Essen und Trinken, dazwischen immer eine Getränkeausgabe und immer wieder fahren die Radler von Fahrrad-Rith auf und ab, um mit Trinken und freundlichen Worten weiter zu helfen. Absolute Spitzenklasse!! An dieser Stelle schon mal der erste Dank an die Helfer!!

Auch der Besenwagen, der die Läufer aufsammeln sollte, die nicht mehr weiter laufen wollen, konnte sich sehen lassen. So eine Probefahrt mit dem neuen Opel Vivaro wäre schon nach meinem Geschmack; aber heute verzichte ich dann doch darauf, auch wenn die Gelegenheit verführerisch günstig ist;-)

Der harte Teil des Laufes

Ab Km 50 fangen meine Knie an, mir zur Schonung zu raten und ich lasse Bernhard ziehen. Die Strecke beginnt lang zu werden, bis Km 60 wechsele ich zwischen langsamen Laufen und Gehen, wobei das Laufen meinen Knien immer schwerer fällt. Ich fange an, die nächste Tafel mit den Strom-Kilometern am Ufer zu suchen und rechne immer wieder aus, wie weit es wohl noch ist. Schließlich achte ich sogar auf die 100 Meter-Markierungen und versuche einen Rhythmus von 100 Meter Laufen und 100 Meter Gehen einzuhalten.

Am Verpflegungsstand bei Km 60 lasse ich mich erst mal in den Klappstuhl fallen. Aua. Meine Füße fühlen sich an, als wäre ich 60 Km gelaufen, ich bin in Versuchung, den Helfern die Ohren voll zu jammern. (ich hoffe ich war nicht zu schlimm;-)

Auf einmal kommt Elisabeth mit lockeren Schritten vorbei, nimmt sich einen Becher Wasser, grüßt mich fröhlich und verschwindet. Sie ist mit zwei Fahrad-Supportern gekommen und die fragen mich tatsächlich, ob ich aufgegeben hätte! Natürlich nicht! Antworte ich erschrocken und frage nach der Uhrzeit. Es ist noch nicht mal 16:00, also noch über zwei Stunden bis Zielschluß, warum sollte ich da so kurz vor dem Ziel aufgeben? Zu meinem großen Erstaunen erklären mir die beiden, daß ich der Letzte bin, alle die noch hinter mir waren, haben aufgegeben!

Na gut, dann bin ich eben der Letzte; kein Problem. Ich vergewissere mich immer wieder, daß ich noch reichlich Zeit habe, denn nach so vielen Stunden Laufen lassen meine ohnehin nicht überragenden Rechenfähigkeiten bisweilen bedenklich nach; aber es ist alles in bester Ordnung.

Und so gehe ich auf die letzten sieben Km, begleitet von Sylvia und Alex. Die beiden haben den ganzen Tag auf dem Fahrrad verbracht und ich bewundere sie, daß sie jetzt noch die Geduld haben, neben mir lahmer Schnecke her zu fahren. Sorry Ihr beiden, daß ich nicht mehr schneller sein konnte und ganz herzlichen Dank, daß Ihr diese letzte Stunde für mich so schön gemacht habt.

Kurz vor Bingen geht es über eine Fußgängerbrücke über die Bahngleise. Meine Knie fragen mich, ob ich noch alle Tassen im Schrank habe und protestieren schmerzhaft, deshalb hangele ich mich vorsichtig am Geländer entlang. Der Tag war so schön, den möchte ich nicht jetzt fast am Ziel durch zu viel Eile zunichte machen.

Kaum bin ich auf der anderen Seite wieder in Bewegung, kommen noch etliche andere Fahrradfahrer vom Support-Team und ich fühle mich in dem Tross wieder ganz fehl am Platze. Soviel Aufhebens um mich, ich komme mir vor wie ein Hochstapler. Ich habe doch nur immer einen Schritt nach dem Anderen gemacht, sonst nichts.

Ankommen

Ich schleiche durch Bingen, die Meter ziehen sich und der Fluss Nahe erscheint mir breiter als der Ozean. Noch einmal bergauf, durch die Fußgängerzone. Einer der Radler sagt mir, daß ich ab der Ecke vor mir das Ziel sehen könnte, also ran. Ich laufe im Schleich-Schritt den Marktplatz hoch, die Stimmung ist der pure Wahnsinn. Alle Augen auf dem Platz sind auf mich gerichtet, es geht die lange Seite des Marktes hoch, ca. 30 Meter die endlos sind. Wo ist nur das Ziel? Ok, eine Biegung und ein paar Schritte die kurze Grade entlang, dann durch den Zielbogen, geschafft.

ALLE haben auf mich gewartet!! Ich werde gefeiert als wäre ich ein Sieger und ich kann die Tränen nicht zurückhalten. Jemand nimmt mich in den Arm, für ein paar Sekunden, bis ich die Tränen im Griff habe. Bernhard ist der erste, den ich erkenne, er steht gleich hinter der Ziellinie und drückt mich ganz fest. Jetzt will ich sitzen, nur noch sitzen und ich lasse mich auf eine Bank fallen. Uff!

Wolfgang kommt zu mir und Günther und Stephan und Jürgen und ich könnte schon wieder losschluchzen vor Freude.

Was für ein großes Erlebnis! Danke!

Es hat echt einige Vorteile, als Letzter anzukommen. Erstens muss man da nicht so lange auf die Siegerehrung warten und zweitens ist das Hallo beim Ankommen einfach riesig. So einen Empfang hat selbst Paul Tergat in Berlin nicht bekommen ;-)) Diese Ehre ist mir aber eigentlich unverdient zuteil geworden, da ich fast eine Stunde vor Zielschluß angekommen bin und damit viel schneller war als ich gedacht hatte. Sogar einen Pokal habe ich bekommen, Junge Junge.

Die Heimfahrt war vergleichsweise leicht, ich bin zum Bahnhof geschlurft und dann mit dem Zug bis Koblenz gefahren. Mit dem Zug ist die Strecke zwar bedeutend schneller und einfacher, aber bei weitem nicht so schön. Die Autofahrt von Koblenz bis nach hause hat sich dann wieder ganz schön gezogen, ich musste zwei mal anhalten, um meine Beine etwas zu bewegen.

Heute ist Montag und ich kann wieder ganz normal gehen, das Laufen lasse ich noch ein paar Tage, bis die Knie nicht mehr ziepen.