2003 Vor meinem ersten Ultra

 

Ich bin etwas unsicher

  

   geschrieben Herbst 2003

Mein erster Ultra-Marathon steht bevor

Vor einem Jahr habe ich den Bericht von Wolfgang über seinen Lauf von Koblenz nach Bingen gelesen und war fasziniert, aber bei weitem noch nicht fit genug um solch ein Abenteuer selber zu bestehen.

Also habe ich gelaufen und trainiert, das Internet nach Erfahrungsberichten über so lange Läufe abgesucht und Trainingspläne gelesen und aufgestellt. Nun bin ich eigentlich nicht soo wahnsinnig konsequent und außerdem bin ich bin glücklich verheiratet und habe einen Sohn von drei Jahren, da fällt die Entscheidung Training oder nicht oft sehr schwer. Grade im Winter, wenn es schweinekalt und stockfinster war, wäre ich manches mal lieber zu hause geblieben, zumal so viele Stunden Training gar nicht gut für die Beziehung sind.

Im Januar wurde ich immer müder, bin kaum noch aus dem Bett gekommen und war Abends nach der Arbeit wie erschlagen. Ich konnte mich immer weniger konzentrieren und habe mehr und mehr Kaffee getrunken, um nicht am Schreibtisch einzuschlafen. Außerdem habe ich dauernd gefroren, wenn ich nicht grade in der heißen Badewanne oder im Bett lag.

Am Anfang habe ich das auf die Kälte und das tägliche Motorradfahren zur Arbeit geschoben, aber als ich immer öfter nassgeschwitzt aufwachte, Schüttelfrost bekam und mein Urin immer dunkler wurde, war klar, das ich zum Arzt gehen sollte. Der hat mich dann mit der Diagnose Pfeifersches Drüsen Fieber, auch Mononukleose genannt, für fünf Wochen von der Arbeit und für fünf Monate vom Sport „befreit“.

Im Juni habe ich also wieder von vorne angefangen, 10 Km laufen: uff, geht noch. Danach kam die große Hitze und der ständige Zwiespalt im Training: so viel wie möglich, aber unter allen Umständen ein Übertraining oder gar einen Rückfall vermeiden. Bei jedem Ziehen im Knie, in der Hüfte etc. stand ich vor der Frage: weiter machen oder aufhören? Denn eines war klar: mache ich nur ein wenig zuviel, ist der Rheintal-Ultra für mich passé, trainiere ich zu wenig, komme ich nicht durch.

14 Wochen Vorbereitung für einen Ultra: ob das gut gehen kann?

  

Mein Motto konnte also nur sein, mich auf nur auf die Anzahl der KM zu konzentrieren und die KM-Zeit zu vernachlässigen. Also habe ich den Long-Run jede Woche ein bisschen verlängert. Um meine Knie und Hüften zu schonen, habe ich mir angewöhnt, jeweils acht Minuten zu laufen und zwei Minuten zu gehen, das kostet zwar etwas Zeit pro Kilometer, bringt aber Luft für größere Distanzen. Heute kann ich im Training die 42 Km laufen, ohne mit der Wimper zu zucken, weil ich mir fast sechs Stunden dafür Zeit lasse. (OK, ich habe mir einen Sonnenbrand auf der Glatze geholt, der grade höllisch weh tut und für jede Menge Unterhaltung im Kollegenkreis sorgt ;-)

Nach meiner Berechnung sollte dieser Trainingszustand so grade eben zum Ankommen reichen: neun Minuten/km und an jedem Verpflegungsstand zehn Minuten Pause; damit habe ich immer noch drei Stunden Reserve bis am Bahnhof in Bingen der letzte Zug zurück nach Koblenz abfährt.

Das hört sich für echte Ultras sicher an, wie der Sonntagsausflug der Weightwatchers, aber ich habe gehörigen Respekt vor der Strecke. Manchmal Nachts im Bett frage ich mich, ob ich einfach nur Angeben will, oder irgendwem etwas beweisen muss. Hätte ich auf das Signal meines Körper hören und den Lauf auf nächstes Jahr verschieben sollen? Oder war das ein Test des Schicksals, ob ich mich auch durch Rückschläge durchbeiße?

Ich lese Bücher vom Sandmarathon und finde im Internet Berichte von anderen, genauso fantastischen Laufleistungen, ich höre staunend auf dem Steppenhahn, was für echte Ultras bei dem Lauf mitmachen wollen und lese für diesen Lauf Namen die als Größen in Deutschland in diesem Sport gelten. Bin ich so vermessen, diesem elitären Kreis angehören zu wollen, mit meinen Wehwehchen, meinem ständigen Kampf mit der Bürokratie, den Knöllchen, dem Konto, mit all meinen Alltagssorgen? Ich bin so weit weg von den Leistungen und Abenteuern, die diese Leute beschreiben, wie kann ich es da wagen, zusammen mit denen zu starten?

Und doch, ich werde es machen. Ich werde es einfach machen. Ich werde mich frei machen von der Angst zu versagen; ich werde viele schöne Stunden laufen und genießen. Ich werde mein Abenteuer erleben, ganz gleich welche Abenteuer die Anderen erleben. Ich bin der Held meiner Geschichte und die Hauptfigur in meinem Leben!

Ich veröffentliche diesen Bericht  heute, damit ich mich nach dem Lauf um so besser erinnern kann, wie ich mich davor gefühlt habe. Und falls ich nicht ankommen sollte als Warnung für Andere;-)