2015 Schneewitchen-Trail - Eisenzwerg

März 2015

2393 Tage lang habe ich eine Einladung offen gehalten. Am 17. August 2008 habe ich auf einem Feldbett in Sibbesse am Ziel des Stunt100 gelegen, völlig fertig und erschöpft, und irgendwer hat mich eingeladen bei seinen Trailläufen mit zu laufen. Ich habe die Einladung angenommen. Allerdings hat's dann vor dem UTMB nicht mehr geklappt und danach war das Ultra-Trail-Laufen für mich erst mal gestrichen.

Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Ich habe Michael meine Situation erklärt und ihn gebeten, mich auf der Liste zu lassen, damit ich auch in den schweren, trail-losen Jahren nie die Hoffnung aufgebe, irgendwann wieder zurück zu kommen. Und das hat er gemacht: acht Jahre lang hat er mich immer wieder eingeladen. Und dieses Jahr war ich soweit: ich konnte kommen. Michael, ich danke Dir, dass Du mir geholfen hast!

Zur Wiedergeburt als Ultra-Trail-Läufer hatte ich mir letztes Jahr den Bärenfels ausgesucht, der gut geklappt hat. Jetzt war ich fit genug für den „Eisenzwerg“ aus Michaels Schneewittchen-Lauf-Reihe: 80km bei 3450HM. Als ich Freitagnachmittag los will, teile ich mir mit meinem Sohn noch die letzten zwei Glückskekse, die ich von Susanne Alexi zum Geburtstag bekommen habe. Meiner war viel verheißend:


Mein Glückskeks-Zettel

Zur Anreise haben Eva und ich eine Fahrgemeinschaft gebildet (Umwelt ist bei Läufern ein großes Thema) und sind gemeinsam aus Köln gekommen. Unterwegs haben wir noch Lana eingesammelt und sind am Freitagabend, pünklich zu Essen und Briefing im Hotel Zur Eule am Start in Hörsum angekommen.

Um 4:30 klingelt der Wecker und ich bin unsicher und habe Angst. Es gibt leckeres Frühstück und dann stehe ich wieder in meinem Hotelzimmer. Ich packe meine Sachen hin und her, ziehe mich drei mal um und bin immer noch unsicher und ängstlich. Aber ich will es jetzt. Ich werde es jetzt machen. Lampe an und raus.


Das Starterfeld

Die Kirchenglocken läuten um sechs und der Race-Director Michael schickt uns auf die Strecke. Es geht moderat bergauf, eigentlich könnte man hier auch gehen, aber alle traben und ich mach mit. Der große Mond hängt über uns und der Wald riecht nach Nacht und Abenteuer und ich bin wieder unterwegs. Ich bin zuhause, in meinem Element, ganz bei mir. Ab geht’s.



Mond über den Läufern

Bald wird es dämmerig und für einen Augenblick höre ich im linken, im Schatten liegenden, Wald eine Eule während im rechten, von der Morgensonne beschienenen, Teil schon die Vögel zwitschern. Dann gewinnt die Sonne ihren Kampf und es ist hell.

Im Gespräch mit ein paar anderen Raidern wird mir jede Hoffung auf ein Finish vor Sonnenuntergang zunichte gemacht: der Eisenzwerg ist so schwer, diejenigen, die es vor 19:00 ins Ziel schaffen können, sind schon viel weiter vorne. Und ohne Stöcke hätte ich es noch doppelt schwer. Ich beende die Ermunterungen mit dem Hinweis, dass ich den UTMB ohne Stöcke gefinished habe. Zack und Ruhe ist. Ich kann so arrogant sein.

Bei Km 20 laufe ich auf, eine andere Läuferin auf, die grade ihre Stöcke auspackt, aber noch nicht wirklich vertraut damit wirkt. Wir kommen ins Gespräch, sie stellt sich als Anja Tegatz vor und da wir das selbe Tempo haben bleiben wir ein Stück zusammen und unterhalten uns. Bald ist das erste 30km Teilstück mit gut 1200Hm vorbei und wir sind wieder am Hotel wo ich ein kleines zweites Frühstück genieße.


Auf dem nächsten 15Km-Teilstück kommen noch mal 800Hm drauf. Es gibt herrliche Trails, kleinste Trampelpfade und Stellen mit wunderbarer Aussicht über die Täler. Das Wetter ist vom Feinsten, ca. 10°C, sonnig und trocken. Die letzten Pfützen, heute morgen noch gefroren, lösen sich auf und auch der Morast ist laufbar, nicht bodenlos.



Herrlicher Schlamm

Anja und ich erweisen uns als optimales Gespann. Wir haben genau den gleichen Rhythmus, wir wechseln im gleichen Moment von Laufen in Gehen und zurück, unsere Kids sind im ähnlichen Alter und wir haben die selbe Vorstellung wie lange eine Pause sein sollte. Zumindest an der Adamis-Hütte bei Kilometer 46, die wir bald erreichen.



Wunderbare Ausblicke

Jetzt kommt die zweite große Schleife, 25km mit etwa 900hm durch die SiebenBerge. Die Wege sind hier oft etwas breiter als heute morgen, die An- und Ab-Stiege länger die graden etwas grader. Mein Navi zeigt zuverlässig den Weg und wann immer ich nicht 100% sicher bin, ist irgendwo ein Zeichen, was uns weiter bringt. Michael hat zwar beim Briefing gesagt, dass die Strecke nicht markiert ist, aber, wie es der Zufall will, verlaufen wir uns kein bisschen.

Das macht den Weg nicht kürzer. Die Sonne ist gefühlt warm, die Trinkblase sicher leer und die Beine schon nicht mehr so frisch wie heute morgen. Durst macht sich bemerkbar, denn weder Anja noch ich finden irgendeine weitere Verpflegungs-Kiste. Grade am äußersten Punkt dieser Runde wäre ein weiteres bemanntes Revitalment eine schöne Sache, und sei es nur um „versehentliche“ Abkürzer zu vermeiden. Tatsächlich liegen nämlich manchmal Hin- und Rück-Weg der Schleife so eng beisammen, dass die Versuchung durchaus gegeben sein könnte. Eine Kontrolle am Äußeren Ende wäre da nicht schlecht. Gibt's aber nicht.
Grade als unser Durst sich wirklich bemerkbar macht, steht ein älterer Herr mit ebensolchem Kombi am Wegrand. Anja spricht ihn sogleich an und bittet um Wasser. Und einem Wunder gleich, hat der Mann ein Sixpack 0.5er Flaschen Apfelschorle im Kofferaum! Ich glaub's nicht. Herrlicht erfrischt laufen wir weiter.

Irgendwann wird Anja und mir klar, dass wir es tatsächlich unter 12h schaffen könnten. Wir beschließen sofort das Tempo weiter hoch zu halten und bleiben engagiert bei der Sache. Anja schlägt zum Zeitgewinn vor, beim dritten und letzten VP bei Km 70 nur kurz zu trinken und das Essen mit auf den Weg zu nehmen. Ok, das hört sich ehrgeizig aber vernünftig an. So machen wir es.

Anja erfährt am VP3 (wieder Adamishütte), dass die nächste Frau im Feld nur neun Minuten vor ihr liegt und will es wissen. Durch ihre Erzählung beim Lauf hatte ich schon eine Idee von ihrem Ehrgeiz und war vorbereitet. Ok, wir schaffen das.



Sie ist schnell - ich bleibe dran

Sie gibt jetzt richtig Druck auf die Sohlen. Wir laufen schneller und früher, wir wandern schneller und weniger, wir reden selten und wenn dann über die Rest-Kilometer. Ich navigiere zuverlässig, rechts, links, weiter. In einem Wald verpasse ich einen Abzweiger, abrupt steil links rauf, um einige Meter und wir müssen zurück. Die bis dahin vor uns liegende Nicole trifft es hier aber schlimmer, so dass sie hinter uns fällt. Als wir oben am Hang ankommen, blickt Anja sich um als hätte sie etwas gespürt. Ja, da ist Nicole, die im selben Augenblick zu uns hoch schaut. Die beiden Kontrahentinnen blicken sich über gut 400m in die Augen, die Spannung ist mit Händen zu greifen, und der Kampf ist endgültig entbrannt. Bis eben war Nicole nur eine Idee, eine Zahl vor uns, jetzt wo wir ihre neongelbe Mütze einmal gesehen haben, gilt es alles.

Anja brennt. Und sie rennt. Ihr Ehrgeiz ist unglaublich ansteckend und ich renne mit ihr. Bergab im 5er-Schnitt ab dafür. Blick über die Schulter. Anja ist wie Grillanzünder auf meinen nassen Kohlen: ich kann immer noch rennen. Aber meine Konzentration lässt nach, ich mache im navigieren Fehler. Kleine Fehler. Nur ein paar Meter verschenkt, aber dann ist Nicole bei uns. Und für einen Moment sieht es nach einem Showdown aus:

Anja und Nicole stehen vor einander und begrüßen sich. Sie sehen sich grade, sehr sehr grade in die Augen. Einen langen Moment. Dann fragt Anja mit sehr kämpferscher Simme, die keinerlei Zweifel an ihrer unbedingten Enschlossenheit zulässt: „Machen wir ein Battle oder finishen wir zusammen?“ Nicole weicht ihrem Blick nicht aus.

Ich habe zwei Schwestern, beide fast zehn Jahre älter als ich. Ich kenne diese Situation so gut. Ich weiß, wann kleine Brüder in Deckung müssen. Ich warte auf Nicoles Antwort.

Und Nicole strahlt voller Wärme und Herzlichkeit: „Na klar machen wir das zusammen, keine Frage!“
Anja, Nicole und ihr Begleiter laufen sofort wieder los. Ich nicht. Sobald der Grillanzünder auch weg ist, geht mein Feuer aus.

Aus. Völlig aus. Ich stehe drei Kilometer vor dem Ziel eines 80ers im Feld und bin völlig am Ende. Ich starre auf meinen Garmin und verstehe nichts. Linie? Pfeil? Ich drücke willkürlich einen Knopf und verstehe immer noch nichts. Ich weiß kaum, was das für ein Ding in meiner Hand ist. Rucksack. Drei Kilometer im Kriechgang. Schmerzen, überall. Wo ist der Weg, und warum? Ich erinnere mich nicht an das Dorf, wo das Hotel ist. Wie weit noch? Mir ist eiskalt. Irgendwann bin ich am Hotel und gehe zum Eingang, wo kein Läufer weit und breit ist. Auch keiner vom Orga-Team. Was ist hier los. Ich bin verzweifelt und fange fast an zu heulen als ich nach dem Finsh frage. Da hinten. Wo?
Über den Hof und dann noch mal Stufen rauf, mindestens fünf davon. Tür, endlich. Ich tappe in den Raum und gehe zu Boden. Liegen, Schmerzen, Tränen, Geschafft.

Ich bekomme meine Medaille, ein wunderschöner Apfel aus Acyl-Glas, als Symbol des Schneewittchen. Ich bin so dankbar. Anja ist da und freut sich mich zu sehen. Tatsächlich habe ich nur 11:46 hh:mm gebraucht.



Schneewitchen beisst in den Apfel

Fazit: Ohne Anja wäre ich sicher eine Stunde länger unterwegs gewesen.
Die Orga vom Indie-Trail ist super, die Verpflegung lässt keine Wünsche offen und die Strecken sind toll.



Meine Medaille