2015 Sturmnacht

Geschrieben Januar 2015



Ich habe ein neues Spielzeug, ein Garmin eTrex 20, so ein GPS-Navi zum rumtragen. Ich kann zwar gut mit Karte und Kompass umgehen, und mache das auch gerne, aber ich liebe auch neue Spielzeuge. Also wollte ich mir GPS-Tracks zum mitnehmen aufzeichnen. Und weil ich Stalker hasse, bleibt mein Handy aus oder gleich zu hause. Es musste also ein Offline-Gerät sein.

Gesagt getan, ich habe mir also eine tolle neue Strecke ausgedacht und auf gpsies.com einen Track erstellt. Dann bin ich erst Freitag Nachmittag zum langen Lauf gekommen. Und glücklicherweise, punktgenau zu meinem Lauf, folgte auf etliche Tage Regen eine heftige Unwetterwarnung. Geil!
 


Mein Garmin eTrex20 mit der Sturmrunde

"Wo bin ich trainingsmäßig?" führt unmittelbar zu "Wie stark, hart, männlich, unsterblich, etc. bin ich?" und das lässt sich zusammen fassen zu "Wer bin ich?" All diese Fragen lassen sich an einem Freitag Nachmittag im Januar klären: kann ich die Strecke so schaffen?

Die Strecke ist 38km und damit meinem aktuellen Trainingszustand angemessen. Es ist fünf Uhr Nachmittags und ich brauche vom ersten Schritt an die Stirnlampe. Auf meinem Rücken ist ein kleiner Rucksack mit Wechselsachen und in meiner Hand das Navi. Die ersten zehn Kilometer von mir bis zum Rhein kenne ich auswendig: flach und schnell. Es regnet wie aus Eimern und der Wind zerrt an meinen Sachen, aber ich bin warm und frisch und in meinem Element. Was kümmert es mich, dass der Deutsche Wetterdienst für heute Nacht eine Sturmwarnung gegeben hat? Böen bis 100kmh: das geht doch noch, oder?

Auf der Rheinbrücke merke ich zum ersten mal bewusst, was heute Nacht noch kommen könnte: die ersten echten Sturmböen kommen von hinten und reißen an mir. Danach geht's ein Stück Richtung Norden bis zur Wuppermündung: alles machbar, bis hierher. Ich laufe Wupper-aufwärts bis hinter Opladen.
Hier läuft mein Track auf einem kleinen Wanderweg am Ufer entlang. Ich kenne die Strecke und bin zuversichtlich, bis mir klar wird, wie hoch die Wupper aufgrund des tagelangen Regens ist. Der schmale Weg im Wald am Uferhang ist total durchweicht und verläuft nur knapp über dem Wasser. Weil der Regen immer noch heftig prasselt, kann ich im Schein der Stirnlampe, so hell sie auch ist, kaum was erkennen. Nur meinen Atem und silbernen Regen, der in's schwarze Wasser fällt. Was ich sehen kann, ist allerdings beunruhigend: der Fluss ist heute reißend. Wo die Wupper im Sommer zum planschen und baden einläd, trägt der Strom heute weißen Schaum und große Äste oder kleine Bäume schwimmen für Sekundebruchteile durch's Lampenlicht, wenn sie vorbei gespült werden. Ups, da will sollte ich nicht rein fallen.

Der Weg senkt sich tiefer, die ersten Pfützen werden von der Wupper geflutet und meine Schuhe werden für ein paar Schritte entschlammt. Dann kommt die erste Stelle, wo der Fluss unzweifelhaft über den Weg fließt. Ich leuchte mit der Lampe in's trübe Wasser, kann aber keinen Grund sehen, also mehr als Knöcheltief. Ich halte mich am Ufergebüsch fest und steige langsam ins grurgelnde Wasser.
Die Strömung steigt bis fast zum Knie und zieht schon mächtig an meinen Füßen, die im Schlamm keinen Halt mehr finden wollen. Angst, ich habe Angst. Nicht so viel, als dass ich umkehren würde, aber genug, um äußerst vorsichtig zu sein. Festhalten! Bloß Festhalten! Irgendwann kommt der Weg wieder höher und ich erreiche feste Ufer und den Ort Balken. Mir wird klar, dass ich erst ein Drittel meiner Strecke geschafft habe und dass der Rest des Weges ganz sicher kein Zuckerschlecken wird.

Ab hier laufe ich den Murbach aufwärts und betrete mir unbekanntes Gelände. Es muss schön hier sein, wenn es hell, warm und trocken ist. Derzeit ist es nichts davon und ich friere, weil meine Regenjacke durch ist und ich nur ein nasses T-Shirt darunter anhabe. Der Weg windet sich durch den Wald. Ich weiß, dass ich in wenigen Kilometern den östlichsten Punkt meiner Schleife erreichen werde, so eine Art Wendepunkt, die Hälfte. Ab da geht's dann gefühlt nach hause. Bis dahin will ich unbedingt konsequent am Ball bleiben. Für das Erreichen dieses Punktes verspreche ich mir die warmen Wechselsachen aus dem Rucksack und einen Schokoriegel. Weiter.

 

Ich komme an zwei kleinen Seen vorbei und laufe dann über einen Campingplatz. Es gibt eine Sonnenterasse und Schilder für Kaffee, Waffeln und Eis. Jetzt herrschen hier Regen, Dunkelheit und Einsamkeit. Mein Navi sagt noch 400m bis zum Wendepunkt und ich freue mich, als am Ende des Campingplatzes ein Tor mit Stacheldraht den Weiterweg am Seeufer versperrt. Ich hasse es, wenn privater Landbesitz einen schönen Weg unpassierbar macht und überlege, an's Tor zu pinkeln. Aber da ich nichts zu trinken dabei habe, muss ich grade nicht. Also zurück und um den Plaz rum durch ein Dorf, zwei Kilometer Umweg.

Dann komme ich doch noch an meinem Wendepunkt an, eine völlig unspektakuläre Kreuzung in einem eben solchen Dorf. Der Sturm, der mir im Wald gar nicht so stark vorkam, hat inzwischen noch mal zugelegt und bläst heftig. Ich hoffe auf eine Bushaltestelle oder einen Unterstand, muss aber mit dem Vordach eines Mehrfamilienhauses vorlieb nehmen. Dann ziehe ich meinen warmen Pulli unter die Regenjacke und esse meinen Riegel. Das gibt neue Kraft und Mut.

Dann geht Track, den der Navi mir anzeigt, über kahle Felder. Kein Baum gibt mir Schutz, der Sturm ist inzwischen wirklich ein Sturm, der Regen peitscht so arg, dass ich mein Gesicht mit dem Buff schützen muss. Ich bin eigentlich ein echter Fan von Karte und Kompass, aber ich gebe ehrlich zu, dass in diesem Wetter das Navi die Sache erheblich vereinfacht. Eine Linie mit dem Track und ein Pfeil für mich: das ist idiotensicher.

Der Track führt mich unter der Balkantrasse durch, einer alten Bahnlinie, die inzwischen ein Wanderweg ist. Ich kenne diesen Weg: guter, neuer Asphalt, der mit ganz sanften Gefälle nach hause führt. Die Versuchung ist groß, aber ich widerstehe. Von den nächsten Kilometern bekomme ich nicht so viel mit: außer heulendem Orkan und klatschendem Regen weiß ich von nichts. Mein Blick ist nach unten gesenkt um das Gesicht vor dem Sturm zu schützen. Nur den Meter vor meinen Füßen beleuchtet meine Stirnlampe. Meine Füße versinken auf den kleinen Pfaden teilweise knöcheltief im Schlamm, hier hätten sogar die Belgier ihre Freude!

Dann erkenne ich das Wiehbachtal und ab jetzt kenne ich die Strecke für die nächsten paar Kilometer. Ich jubele innerlich erleichtert, fühle mich fast zu hause. Endlich wieder vertrauter Boden unter den Füßen! Ich liebe Nacht und Wald und Wind, aber heute habe ich von allem genug gehabt. Hinter Lützenkirchen durch den Bürgerbusch, über die A4 und runter nach Alkenrath: ja, die letzten Kilometer kenne ich. Und ich bin müde, geschafft und durchgefroren, aber ich habe die Antwort auf meine Fragen mal wieder gefunden.

Fazit: ich kann's noch, ich bin's noch. Und es hat riesig Spaß gemacht!