2009 die Hambach-Inden-Runde

 

gelaufen im Juli 2009

Nach dem Desaster vom letzten Monat muss ich mich unbedingt wieder aufbauen. Ein cooler Abenteuer-Lauf muss her. Am besten am Abend und nicht teuer, das Abenteuer (höhö, sorry für den Kalauer). Und da erinnere ich mich an die geile Tour mit Markus vor gut zwei Monaten: die Garzweiler-Umrundung. Das können wir doch noch toppen, es gibt ja hier noch mehr Tagebaue.

Ich fahre also abends zum Markus und wir starten wie so oft gemeinsam. Zunächst auf vertrauten Pfaden, viele Male gelaufen, über die Felder zum Hambacher-Forst, der leider inzwischen ermordet wurde. Entlang der Hambach-Bahn wandern wir bis zum so genannten Kohle-Bunker. Es ist ein wunderschöner, warm Sommerabend.

Wir finden im zweiten Versuch den richtigen Feldweg, der uns weg vom Tagebau Hambach in unbekanntes Gebiet Richtung westen führt. Wir durchqueren den Ort Ellen und ziehen dann weiter über einsame Felder. In der Nacht wirken die Dinge oft anders, beeindruckender, größer. So fällt uns ein gewaltiger Strommast auf, der hier steht. Er wirkt so massiv und stark, als sei er für die Ewigkeit gebaut. Wir bewundern ihn und lauschen dem Sommerwind, der in seinen Gittern von einer langen Reise flüstert.

Hinter Huchem überqueren wir die Rur und wandern an ein paar trinkenden Jugendlichen vorbei, die auf einem Industrie-Hof lärmen. Aber wir ziehen unbemerkt vorüber, wie Geister im Nebel. Wie so oft habe ich das Gefühl, in einer ganz eigenen Welt zu wandern, abgeschieden von der Realität. Die Unterwegs-Welt ist vom Alltag abgeschieden wie die Insel Avalon. Ein völlig sicherer Zufluchtsort in dem mich nichts erreichen kann; auch keine Vorstadt-Asis, die in der Festen-Welt gefangen sind.

Ab dem Lucherberger See liegen die Lichter des riesigen Kraftwerk Inden vor uns, was wir aber nördlich umgehen, denn ab Lammersdorf gibt es einen neu angelegten Fluss, dem wir auf einem ebenfalls neu angelegten Feldweg folgen können. Es gibt auch hier, wie schon bei der Garzweiler-Umrundung, kein aktuelles Kartenmaterial zu kaufen, aber ich bin zuversichtlich, dass dieser Bach uns um den Tagebau Inden herum führt. Die Strecke ist hier relativ eintönig und die Nacht zieht sich. Und ist bewusst, dass wir hier noch nicht mal die Hälfte geschafft und noch viele Stunden vor uns haben. Aber wir wandern weiter.

Endlich kommen wir wieder in bewohntes Gebiet: Kirchberg, ein abgelegener, kleiner Ort. Aber wir brauchen dringend Wasser, denn unsere Flaschen sind seit Stunden leer. Nun ist es in abgelegenen, kleinen Orten nicht wirklich wahrscheinlich, dass wir jemanden um Wasser bitten können, denn es ist etwa drei Uhr morgens: die tote Stunde vor dem Sonnenaufgang. Noch nicht mal die Vögel sind wach. Aber horch, was ist das? Tschak, tschak, tschak, tschak tönt es durch die Nacht. Wir kommen dem Geräusch näher und finden einen Sportplatz mit einem Rasensprenger, der die Wiese begießt. Wir versuchen an das köstliche Nass zu kommen, aber der kreisende Wasserstrahl spritzt locker 20m weit und hat viel zu viel Druck, um unsere Flaschen zu füllen. Es ist zum verzweifeln: wir brauchen Wasser: und die spritzen es so schnell weg, dass wir es nicht kriegen könne. Zum Glück gibt's an dem Sporthaus einen kleinen Außenwasserhahn, wo wir dann doch noch "tanken" können. DANKE!

Wir überqueren die B56 und stehen gleich darauf vor der Einfahrt eines Industrie-Geländes. Sackgasse, Einbahnstraße, Endstation? Aber nein, ich habe vorher lange die Karten studiert und die Strecke auswendig gelernt: hart rechts führt ein kleiner Fußpfad ins Gebüsch und um die Anlage rum. Als wir hinter Jülich im Morgengrauen die Sophienhöhe vor uns sehen, wissen wir, dass es noch ein sehr weiter weg ist, denn Markus und ich haben den Tagebau Hambach schon ein paar mal umrundet und dabei eben auch die Sophienhöhe. Wir biegen mit dem Morgenlicht auf den Rundwanderweg ein und sind damit wieder auf vertrautem Boden.

Aber wir sind noch lange nicht zu hause, denn die Kräfte von Markus lassen nach. Die Sonne verspricht uns wieder einen wunderbaren Tag, sobald wir aus dem Schatten der Höhe kommen und es wird heiß. Bei mir dagegen hat die aufgehende Sonne die genau umgekehrte Wirkung: ich blühe auf und fühle mich frisch und stark. Für Markus dagegen ist die Party der Nacht jetzt zu ende: Zeit in's Bett zu gehen. So wie ich in der Dunkelheit mutlos und ängstlich bin, so macht ihn das Ende der Nacht ohne ein Ende der Nacht-Wanderung fertig. Wir müssen uns trennen.

Ich weiß, dass es nur noch gut 20km bis nach Hause sind und lasse Markus die Trinkflaschen und die restlichen Riegel da und laufe los. Ja genau: nach gut neun Stunden wandern wollen meine Beine jetzt endlich rennen dürfen. Und ab geht die Post! Ich bin auf der einen Seite beflügelt durch den neuen Sommertag, die Sonne und die Wärme. Auf der anderen Seite weiß ich, dass mein Freund Markus am Parkplatz Sophienhöhe auf mich, das Auto und sein Bett wartet und mich braucht. Und ich kann rennen. Wie im Traum ziehen die Orte unter meinen Füßen durch, bis ich schließlich wieder auf den Weg komme, wo wir am Abend vorher die Runde begonnen haben. Meine Kraft reicht, ich fühle mich herrlich.

Auf dem Weg zum Markus halte ich an einer Tankstelle und besorge für Cola und Frühstück und bin bald darauf bei ihm. Er ist inzwischen allerdings ziemlich erholt und wir erinnern uns auf der Heimfahrt immer wieder an diese oder jene Besonderheit der Nacht.

Fazit: was für eine geile Nacht! So langsam habe ich Hoffnung, dass ich den UTMB schaffen kann.