2010 TorTour de Ruhr

Geschrieben Juni 2012



im Spät-Sommer 2009 habe ich eine kurze Notiz im Forum des Steppenhahn gelesen: eine mir bis dahin völlig unbekannt Läuferin suchte Support für Deutschlands längsten Ultralauf: die TorTour de Ruhr. Ich mag Support: ich freu mich immer so wenn ich jemand Freude machen kann. Und zu dem Zeitpunkt, als ich ihr Posting gelesen habe, standen mir sehr schwere persönliche Zeiten bevor in denen ich vom engagierten Ultramarathon-Läufer zum Gelegenheits-Jogger absteigen würde: da würde es mir gut tun, noch einmal in der Lauf-Szene auf zu tauchen und jemanden durch schwere Stunden zu helfen. Und außerdem fand ich ihren Namen cool: Susanne Alexi



Anfang des Winters hat sie mich dann eines Abends zu hause besucht, um mich kennen zu lernen. Es war einer der schwärzesten Tage meines Lebens. Meine Ehe war soeben gescheitert und alle meine Hoffnungen und Träume waren zerschlagen und nur noch die Pflicht, für meine Kinder ein guter Vater zu bleiben, hielt mich mich aufrecht. Es war ähnlich wie am Bovine wenige Monate vorher: ich habe entsetzlich gelitten und alles war viel schlimmer, als ich es je befürchtet hätte, aber nichts hätte mich am weiter kämpfen hindern können.



Und Susanne war nicht schockiert davon wie fertig ich war. Sie hat meine Stimmung aufgenommen, ich fühlte mich verstanden und angenommen. Und Sie war selber schon durch sehr harte Durststrecken gegangen und hat sehr schwere Zeiten überstanden. Sie wollte jetzt wieder Ultra laufen. Die TorTour de Ruhr sollte quasi ihr Come-Back werden, so wie der UTMB mein Abschied gewesen war. Ihr Plan hat mir den Mut gegeben, an mein eigenes Come-Back irgendwann zu glauben und ich war, mehr denn je, entschlossen sie zu supporten. Wenn Sie ankommen würde, es schaffen würde, dann würde ich auch irgendwann wieder laufen können.



Ich habe Fußball-Fans nie verstanden: sie kennen ihre Idole nicht mal persönlich, können sie nicht anrufen und nicht mit ihnen feiern. Aber vor allem: ein Fan vor dem Fernseher hat überhaupt keinen Einfluss darauf, ob seine Helden siegen oder verlieren. Der Fan vor der Flimmerkiste ist ein total hilfloses Opfer: egal wie das Spiel ausgeht: seine Gefühle hängen unmittelbar von Dingen ab, die er nicht kontrollieren kann. Dieser Fan ist 100% fremd-bestimmt wie ein kleines Baby, dessen Glück ausschließlich von seinen Eltern bestimmt wird.



Susanne würde meine eigenen Hoffnungen und Wünsche und Ambitionen transportieren. Ich würde quasi mit ihr und durch sie laufen. Sie würde das Abenteuer bestehen, dass mir derzeit verwehrt ist. Aber ich würde nicht nur passiver Zuschauer sein. Nein: ich würde sehr aktiv und mit vollem Einsatz zum Gelingen beitragen. So muss Fan!



Ein knappes halbes Jahr später bin ich dann zum Start nach Winterberg gefahren, wo Susanne eine Unterkunft für ihr ganzes Support-Team in einer alten Kaserne organisiert hatte. Tobias würde sie auf dem Rad begleiten und ich würde alle paar Km mit dem Auto an die Laufstecke fahren und einen Verpflegungs-Punkt aufbauen. Nach einem netten gemeinsamen Abendessen und letzten Planungen sind wir dann alle in freudiger Erwartung eingeschlafen.



Jipiie, die Sonne scheint, der Start-Tag ist da! Nach dem kurzen Frühstück sind wir gemeinsam zum Start an der Ruhrquelle gefahren, wo schon ganz viele andere Läufer waren. Es geht los und wir sind bereit. Den ersten km bin ich noch auf der Laufstecke hinter den Läufer her gefahren und habe mich danach zum ersten Treffpunkt bei etwa Km 5 aufgemacht.


Start an der Ruhrquelle


Ich hatte ein großes Transparent mit Susannes Namen gemalt. Das habe ich bei jedem Halt oben auf dem Auto fest gemacht, damit sie schon von Weitem erkennen kann, wo der nächste VP kommt. Am Anfang war ich noch ungeübt im Aufbauen der Verpflegungs-Punkte, aber die Routine kam relativ schnell: es waren ja genug Punkte zum Üben da. Bald hatte ich einen guten Rhythmus gefunden und der immer gleiche Ablauf aus:
=>Treffpunkt finden
=>Wanderzirkus aufbauen
=>auf Susanne warten
ist mir in Fleisch und Blut übergegangen. Der Tag war einfach herrlich: bestes Läuferwetter, nicht zu heiß aber sonnig und trocken. Alles blühte und ich hatte einen riesen Spaß.



Wenn am vereinbarten Punkt genug Zeit war, habe ich meine Slackline aufgebaut und ein bisschen darauf geübt. Oder ich habe mit den anderen Unterstützer-Teams geredet oder Karten gespielt, etc, etc. Aber je weiter der Tag voran schritt, desto weiter zog sich auch das Läuferfeld auseinander, so dass ich kaum noch andere Teilnehmer getroffen habe.



Das änderte sich natürlich schlagartig in Arnsberg am Schwimmbad, wo die 100-Meilen-Läufer eingestiegen sind. Hier waren viele andere TorTour Teilnehmer und Supporter, so dass ich eine lustige Zeit hatte.


Die ersten Kilometer


Susanne hat meine Erwartungen bis hier her wirklich mehr als erfüllt. Sie hat sich jedes mal so sehr gefreut mich zu sehen, war immer freundlich fröhlich und positiv. Und sie war blendend optimistisch, was ihr Finish anging. Natürlich habe auch ich meinerseits alles versucht, ihr den Lauf so angenehm wie möglich zu gestalten.


So habe ich jedes mal, wenn sie zum nächsten Teilstück aufgebrochen ist, gefragt, was sie am nächsten Treffpunkt essen, trinken, etc. haben möchte und versucht, ihre Wünsche so weit wie möglich zu erfüllen. Manchmal war das ein Kaffee, ein anderes mal ein Rückspiegel für das Begleit-Fahrrad von Tobias. Es war ja immer noch Samstag und die Läden hatten offen.



Hinter Arnsberg kam dann bald die Dämmerung und damit auch die ersten Ermüdungs-Erscheinungen bei Susanne. Sie war immer noch gut drauf, aber ihr Optimismus war nicht mehr ganz so sprühend. Klar, 100km in den Knochen und noch nicht mal die Hälfte geschafft, das muss man (bzw Frau) erst mal weg stecken.


"Da muss ich jetzt lang!"


Um genau Mitternacht hatte Tobias, der zu dem Zeitpunkt mit mir im Auto unterwegs war, Geburtstag. Goldstück, wie Susanne ist, hatte sie mir das nicht nur vorher verraten, sondern auch einen Kuchen für ihn gebacken und mir mitsamt Kerzen mit gegeben. So hatte Tobias also im Mitternacht einen richtigen Kuchen mit Kerzen! Ein paar Nachtschwärmer, die uns gesehen haben, haben mit gratuliert.



Jetzt, nach diesem Highlight, kam der der harte Teil der Nacht. Nicht enden wollende Dunkelheit und auch eine Kälte, die in die Knochen gekrochen kam. Ich hatte ja das kuschelige Auto mit Heizung, aber Susanne quälte sich unerbittlich über die Distanz.



Irgendwo in der Finsternis, war eine der offiziellen Verpflegungspunkte in einem Haus der DLRG. Es war die kälteste Stunde der Nacht, bevor die ersten Vögel wieder anfangen, den neuen Tag zu begrüßen. Dort habe ich erst mal selber reichlich gegessen und vor allem auch einige Kaffee getrunken. Und ich habe die Gesellschaft des TorTour-Teams genossen. Schön, sich über die Läuferinnen und Läufer aus zu tauschen: wer ist wo im Feld, wer ist schon ausgeschieden, was haben die anderen so erlebt, etc. Susanne lag jetzt schon im letzten Teil des Feldes und es hat gefühlt ewig gedauert, bis sie da war.


Mein Auto mit Spezial-Beleuchtung


Aber als sie dann da war, war ich erschreckt, wie müde und abgekämpft sie aus sah. Trotzdem hat sie nicht zu lange Pause gemacht, sondern ist relativ schnell wieder auf gebrochen. Beim nächsten oder übernächsten Treffpunkt hat sie dann aber doch die Matratze genommen, die ich hinten im Volvo liegen hatte. So ein 850 ist schon ein tolles Auto: eine so schöne, so lange, ebene Liegefläche haben nur die wenigsten Kombis.


Nach diesem kurzen Nickerchen ist Susanne nur sehr schwer wieder in die Gänge gekommen. Sie hatte Schmerzen überall und war furchtbar langsam unterwegs. Ich habe ihr mit großer Sorge nach geblickt, als Sie hinkend im Morgennebel verschwunden ist.


Der zweite Morgen


Bald jedoch wurde eben dieser Morgennebel von einer herrlichen Sonne vertrieben. Der Tag versprach wieder genau so schön zu werden wie gestern und wir waren alle von neuem Mut erfüllt. Die noch zu laufenden Kilometer waren jetzt schon zweistellig, nur noch zwei Marathons oder so, und Susanne lief wieder, als wäre sie eben erst gestartet.


Am VP vom Steppenhahn

Kilometer um Kilometer, Verpflegungspunkt für Verpflegungspunkt, immer weiter. Immer wieder die selbe Routine und mit jedem von Susanne geschafften Stück stieg unsere Hoffung: sie wird sich noch furchtbar quälen müssen, aber sie könnte es doch noch schaffen. Der Sieger, Markus Flick, mit dem ich so schöne Erinnerungen wie die Nacht um Ennepetal und einige schöne Trainigsläufe verbinde, war jetzt schon mit einer Traum-Zeit im Ziel: wir waren noch unterwegs.


Das Leben als Supporter ist so entspannt


In der letzten Abenddämmerung des Sonntag, auf einem Ruhrdeich bei Duisburg, habe ich meinen Wanderzirkus zum letzten mal aufgebaut. Zur großen Freude von Susanne waren drei ihrer Kinder hier her gekommen und haben sie frenetisch begrüßt und angefeuert. Jetzt war es wirklich nicht mehr weit!


"Da komme ich her!"


Und dann, endlich, im Licht der ersten Sterne, sind wir am Rhein-Orange angekommen! Susanne hat es tatsächlich geschafft! Wahnsinn! 230Km! Ich war so stolz auf sie und ich war so glücklich es mit ihr geschafft zu haben. Kein Fußball-Fan, der als entfernter Zuschauer 90min vor dem Fernseher hockt, kann das jemals nach empfinden! Wow! Ich bin immer noch überwältigt! Danke!


Heldin mit ihren Fans



Fazit: Susanne ist die Beste! Kein Wunder, dass sie so eine, für Ultramarathon-Läuferinnen riesige, Fangemeinde hat!