2006 Rund um den Roompot

   geschrieben Juni 2006

Eigentlich hatte ich für den Juni ja den Eifel-Marathon. geplant, aber da meine Familie und ich zum dem Zeitpunkt in Holland Urlaub machen wollten, musste etwas anderes her. Ok, auf den Steppenhahn geschaut, was es denn in der Zeit für Läufe in der Nähe geben könnte. Da kam eigentlich nur die Nacht von Flandern in Frage, den ich aber nach reichlicher Überlegung dann doch nicht gemacht habe. Auch gut: mal ein Blick auf die Karte der Umgebung werfen. Und schon bot sich diese Runde von etwa 70 Kilometer an:
 


Am Montag den 25. Juni war es dann soweit ich habe mir zum ersten (und einzigen) mal in diesem Urlaub den Wecker gestellt: 5:30. Ich bin extra so früh aufgestanden, damit ich nicht zu lange in der vollen Sonne laufen muss. Trotzdem habe ich mich sehr sorgfältig mit Sonnencreme eingeschmiert, vor allem auf dem Kopf. In meinem Trinkrucksack (Model Grau von einer bekannten Kaffe-Röster-Kette) hatte ich neben Klopapier und etwas Geld auch etliche Power-Riegel. Da ich zum ersten mal einen Ultra komplett alleine laufen wollte, noch dazu in mir unbekannter Umgebung, hatte ich nämlich Angst, unterwegs auf einen Hungerast zu kommen und ab zu sacken. Ich weiß zwar seit dem Rennsteig., dass ich so eine Strecke auch ohne Nahrung durch stehen kann, aber Vorsicht ist besser als Nachsicht. Eine richtige Schwächephase auf so einem Lauf könnte sich nämlich als echt fatal erweisen, daher die Vorsicht.

Nach ein paar Km warmlaufen habe ich dann das große Sturmflutwehr gesehen, das die Nordsee von der Oosterschelde trennt. Dessen riesige Tore, können zum Schutz des Hinterlandes im Notfall komplett geschlossen werden, sind aber normalerweise offen, so dass die Gezeiten ungehindert hindurch fließen können. Was heißt hier "fließen": ich rede von einem gewaltigen, reissenden Strom, viele Km breit, der unter der Stahlkonstruktion unglaublich schnell hindurch schießt; viel schneller als jeder Fluss, den ich je gesehen habe. Es sieht aus wie das Kielwasser eines gigantischen, 4 Kilometer breiten Ozean-Riesen, der die Meere durchpflügt. Whow! Ich war und bin voller Dankbarkeit, dass ich über dieses Bauwerk laufen konnte und durfte.




Am Nordufer angekommen, bin ich den Fahrradweg-Schildern Richtung Zierikzee gefolgt, und habe mich über die kleiner werdenden Km-Angaben gefreut. Die Niederlande sind wirklich ein tolles Land für Radler und Läufer. Es ging mir prima, die Sonne schien nicht zu heiß und das Land und die Felder flossen wie von selbst unter mir vorbei.

Hinter Zierikzee habe ich, auf der Suche nach der Bücke nach Süden, ein paar Km Umweg gemacht, weil ich der Beschilderung der Hauptroute gefolgt bin. Man könnte auch durch den Ort selbst laufen, was etwas kürzer wäre. Die Kirche mit den spitzen Türmen steht aber freundlicher Weise an der Ortsumgehung. Die sogenannte Zeelandbrug, die im Osten wieder zurück über den Roompot führt, war das nächste Highlight dieses Laufes. Wobei Highlight nicht ganz stimmt. Sie ist was besonderes: etwa drei bis vier km lang, schnurgerade und hoch über dem Wasser, das ist das Gute an ihr. Für mich war es aber auch die erste echte Durststreck dieses Tages denn durch die leicht ansteigenden Rampen der Brücke im Norden und Süden wirkt die Grade einfach unendlich. Es zieht und zieht sich. Außerdem ist der Begriff Durststrecke wörtlich zu nehmen, weil mein Trinkrucksack lehr war. An der Tanke in Zierikzee war der Wasserhahn nämlich so dicht über dem Becken, dass ich ihn nicht nachfüllen konnte. Und weil das alles noch nicht genug war, um mich runter zu ziehen, fing es auch noch an zu regnen. Kein fröhlich plätschernder Sommerregen, noch nicht mal ein aufregendes Gewitter: nein eine ganz gewöhnlicher, bleigrauer Landregen, der auf Läufer, Asphalt und Meer gleichermaßen herab rauschte. Es war auf dieser Brücke so einsam, dass mir sogar die Schiffer auf den wenigen Booten zugewinkt haben, wenn ich oben vorbei gelaufen bin. Ganz leise überkam mich in dieser Phase des Laufes ein echtes Tief, ohne das ich es wirklich gemerkt hätte. Erst als ich auf dem letzten Km der Brücke an einem Blumenstrauß und einem Teddy vorbei kam, die am Geländer fest gemacht waren, überkam mich plötzlich unsägliche Traurigkeit. Ich habe keine Ahnung, warum diese Sachen da hingen, es könnte ein geliebter Mensch ertrunken, oder auch nur ein Teddybär aus dem Auto gefallen sein, aber ich war von der Trauer, die davon ausging so erfüllt. dass mir plötzlich die Tränen kamen. Da wurde mir klar, dass ich selber ein Tief hatte.




Um da möglichst schnell wieder raus zu kommen, wollte ich mich erst mal stärken. Also Mahlzeit, erstmal die Riegel raus und anständig gegessen. Ein paar Km weiter konnte ich an einem Bauernhof auch den Rucksack wieder füllen, so dass ich wieder oben auf war. Gut gegessen und getrunken, war die Krise wie weggeblasen und ich trabte voller Entschlossenheit durch den Regen.

Kamperland 12 Kilometer, endlich. Von diesem Schild an war ich innerlich auf dem Weg nach hause, bzw. zum Wohnwagen. Ab jetzt konnte ich die verbleibenden Km rechnen, denn ich wusste, dass es von Kamperland bis Vrouwenpolder, wo unser Campingplatz liegt, höchstens 10 Kilometer sind. Aber nicht für mich, denn ausgerechnet hier gibt es an der Schnellstraße (N-sowieso) keinen Fahrradweg. Wahrscheinlich eine persönlich Bosheit des Straßenplaners, der mich noch ein Bisschen quälen wollte. Ich fand nämlich kurz vor Wissenkerke dieses




Schild, und dachte es müsste in die richtige Richtung führen. Im Prinzip war das auch richtig, aber leider nur im Prinzip. Diese Art von Schildern zeigt nämlich offensichtlich nicht den kürzesten Weg zum angegebenen Ziel, sondern den schönsten. Nach einer netten Runde durch den Ortskern von Wissenkerke, den ich mir nach der langen Runde bisher gerne gespart hätte, führte mich diese Schilder ein mal um den Ort rum. Zu einem netten Aussichtspunkt und zurück Richtung Wissenkerke. Verd.... Ich habe auf diesen Runde mindestens fünf Km mehr gelaufen, aus nötig gewesen wären. Aber genug der Miesmacherei: ich bin hier auf Urlaub. Da kann ich mir auch ruhig mal die Gegend anschauen.

Irgendwann war es mir dann aber genug und ich bin wieder Richtung Kamperland gelaufen. Von da an kannte ich zumindest die Straße und wurde immer besserer Laune. Bald danach sah ich schon die Bungalow-Siedlung De Banjard am Horizont auftauchen und wusste: JA ich werde es schaffen! Diese Gewissheit brachte mir ein Gefühl von Triumph. Ich, ich ganz alleine, habe das geschafft. 70 Kilometer ohne Streckenposten, Verpflegungstellen, Supporter, Orga, etc. etc. Ich kann einfach jetzt und hier loslaufen und aus dem Stehgreif einen Ultra von 70 Kilometer machen: einfach nur geil. Klar: ich habe ungefähr 127 Schwächen und doppelt so viele Probleme und will auch nichts davon bestreiten. Zu spüren, das dass eigene Limit aber tatsächlich so hoch ist, ist ein tolles Gefühl. Glücklicherweise ist solcher Stolz, so groß er auch sein mag, schnell vergänglich. Was bleibt ist die Erinnerung an die vielen wunderschönen Stunden, die ich heute gelaufen bin. Diese Leichtigkeit, die ich beim Rennsteig irgendwie nicht gefunden habe, war heute wieder voll da und das Laufen ganz wunderbar. Nach 9:30 war ich wieder am Wohnwagen: die Füße etwas platt, aber sonst ohne größere Beschwerden. So muss das sein.

Wer die Strecke selber einmal machen möchte: lauf über das Sturmflutwehr, folg den Schildern Richtung Zirikzee bis Goes dransteht: (spricht sich Chuus, also mit Ch am Anfang wie in KoCHen), Dann geht's über die Zeelandbrug (zu deutsch Seeland-Brücke). Bald danach steht Wissenkerke, bzw. Kamperland dran. Immer Richtung Kamperland laufen und dann entlang der Bundesstrasse bis zum De Banjard.

Fazit: eine wunderschöne Runde mit zwei wirklich ganz besonderen Bauwerken.