2006 Der mp3-Player

   geschrieben Juli 2006



Ich laufe los wie immer, weiß noch nicht was mich erwartet. Aus dem MP3-Player dudelt irgendeine Musik, er steht auf Random und spielt von allem was drauf ist eigentlich immer das Falsche. Meistens drücke ich gleich ein Lied weiter, aber heute ist es, trotz des späten Abends, immer noch so heiß, dass ich außer den Schuhen nur die kurze Hose trage. Der Player ist also am hinteren Hosenbund fest gemacht und außer meiner Reichweite.

Ich bin kaum losgelaufen, da bin ich auch schon nass geschwitzt, so drückend ist die Luft heute. Zu allem Ueberfluss spielt die Musik jetzt auch noch ein etwas flotteres Stück, Adelante, aus den 90ern. Ok, denke ich, ein bisschen mehr ist schon noch drin, und gebe vorsichtig Gas. Es fühlt sich gut an, und meine anfängliche Trägheit und verschwindet. Es ist doch gut, dass ich mich überwunden habe zu laufen.

Adelante ist zu ende und ich hoffe auf was ruhigeres, Brittney oder Shakira, aber nichts der gleichen: Bill Haley will Rock around the clock. Ich brauche ein paar Takte, bis ich das Stück erkenne und freue mich, denn das kam schon lange nicht mehr. Vielleicht habe ich das Lied auch sonst immer weg gedrückt, weil es nicht zu meiner Stimmung passte, aber heute, jetzt, passt es. Ich laufe noch etwas schneller, wohl wissend, dass ich das Tempo bald wieder drosseln muss, um die Runde zu schaffen. Aber egal, jetzt erst mal laufen! Die Füße wollen es, die Beine sind einverstanden und ich fühle mich immer besser. Los geht's!

Beim letzten Klang will ich schon mit dem Tempo runter gehen, da klingt die Stimme aus dem Gefängnis: der Jailhouse-Rock ist angesagt. Ich stöhne und verfluche meinen MP3-Player. Offensichtlich will er mich heute wirklich jagen. Ok, ich bin dabei und lasse es fliegen. Irgendwie wird mein Grinsen immer breiter und ich immer schneller. Objektiv habe ich wahrscheinlich ein knallrotes Gesicht mit raushängender Zunge: subjektiv fühle ich ein wirklich strahlendes Lachen aus den Tiefen meines Herzens über mein Gesicht ziehen.

Es geht immer weiter, der Player entwickelt ein echtes Eigenleben. Nach ein paar weiteren schnellen 50er-Jahre Hits, geht er doch jetzt tatsächlich zu ACDC über. Das Gitarrensolo aus der Ferne ist unüberhörbar: Thunder! Oh Gott, meine Lunge platzt! Aber ich laufe, laufe immer schneller. Es ist ein geiles Gefühl, so schnell zu sein! Woher nehme ich bloß heute diese Kraft?

Es ist als würde ich kaum noch den Boden berühren, als würden meine Schuhe von selber mit immer längeren Sprüngen vorwärts jagen. Ich höre den Wind in meinen Ohren und spüre die Erschöpfung schon ganz nah, aber noch geht es weiter. Ich könnte schreien vor Begeisterung. Plötzlich spüre ich eine Freude in mir, ein überschäumendes Glück, das ausreichen würde um eine Stadt von Marmorstatuen zu Lachen zu bringen. Ich renne noch schneller, will es jetzt und hier wirklich spüren, und der Player gibt mir Iron Maiden: Aces High!

Ich laufe durch die Nacht, aber ich habe das Gefühl, der Weg vor mir würde leuchten: ich kann ihn klar und deutlich erkennen. Irgendwie habe ich es geschafft, einen Stecker in eine Dose zu stecken, die mich mit unglaublicher Energie und Freude erfüllt. Ich bin wie eine Batterie, die brummt vor Kraft und Ladung. Wenn ich bei einem Ultra in meinen Rhythmus komme, dann spüre ich die Kraft ebenfalls, aber als sanfte Melodie die mich begleitet. Wenn ich auf der langen Distanz „den Stecker in die Energieversorgung“ bekomme, kann ich fast ermüdungsfrei laufen, aber nur langsam und gemächlich. Jetzt bin ich von brüllender Begeisterung erfüllt, die mich wie von Riesen-Händen gezogen vorwärts reißt.

Nur noch ein paar Km, dann bin ich zu hause. Kann mich ausruhen, verschnaufen, erholen. Aber noch einmal kommt die herrliche Kraft zu mir, und die Musik spielt Childeren, von Robert Miles. Ich bin ein Nachtfalke, der über den Wolken fliegt und die Lichter und Länder unter sich durchziehen lässt. Meine Hände fangen an zu kribbeln, meine Nasenspitze schläft ein: aber die unbändige Power will nicht enden, die überwältigende Freude lässt mich noch höher fliegen. Ich durchbreche die Schallmauer und könnte weinen vor Glück.

Aus. Ich lieg vor meiner Haustür, völlig erschöpft und ringe verzweifelt nach Luft. Mein Herz rast und der Schweiß rinnt in Bächen über mich. Ich wälze mich auf dem Boden hin und her und kann doch nicht genug bekommen: ich grinse immer noch. Tatsächlich: ich lache! Ich lache und stöhne und winde mich, aber ich bin erfüllt von dieser Begeisterung, die mich nicht loslässt.

Whow, das war geil.