2006 Dodentocht

   geschrieben August 2006


Dodentocht macht es einem wirklich leicht, die 100 Kilometer zu schaffen. Markus und ich wollten es dieses Jahr zusammen versuchen, aber wir konnten zusammen nicht kommen. Ich stand vor Antwerpen zwei Stunden im Stau, und er hat es über die Landstrasse versucht. Im Auto ist es mir schwer gefallen, nicht die Nerven zu verlieren. Ich hatte mich so auf diesen Lauf gefreut. Nach dem DNF-Desaster von 2004 wollte ich diese Scharte endlich ausmerzen. Und nun steckte ich hier fest und konnte nicht mehr rechtzeitig ankommen: so ein Frust! Selbst wenn ich noch durch kommen würde: wie sollte ich den Camping-Platz auf der anderen Seite der abgesperrten Innenstadt von Bornem erreichen, den Wohnwagen aufbauen, mich umziehen und meine Barcode-Karte hohlen, bevor das Rennen losging? Ich war verzweifelt.

Aber: Dodentocht macht es einem wirklich leicht! Der Stau wurde etwas schneller und alle Polizisten in Bornem wiesen mir sofort den richtigen Weg zum Campingplatz. Auf demselben angekommen, waren gleich zehn kräftige Hände, die mir beim Einparken und Zurecht-Rücken geholfen haben. Nur wo blieb Markus? Ich zog mich um und lief zum so genannten Tent, das Startnummern-Ausgabe, Nachmelde-Platz und Ziel ist, und holte meine Karte ab: alles noch voll im Zeitrahmen, weil die Anmeldung wegen des Verkehrs-Stau tatsächlich noch bis zum Start offen hatte. Danach habe ich Markus nach gemeldet und für ihn die Karte in Empfang genommen. Außerdem hatte ich in meinem Trinkrucksack auch noch ein halbes Dutzend Gels und Riegel für ihn, die ich ihm gerne gegeben hätte, wenn er denn da gewesen wäre.

Markus war inzwischen auf dem Campingplatz angekommen und hatte sich etwas weiter hinten in die Sardinen-Dose der Startaufstellung gestellt, wo ich ihn natürlich nicht erreichen konnte. Da stand auch Bernhard, den ich eigentlich über seinen Island-Ultra hatte ausfragen wollen. Und irgendwo dabei waren auch Jürgen und Bruno, mit denen wir eigentlich am Tent verabredet gewesen wären. Das Handy-Netz war natürlich, ob der zig-tausend Leute, wie immer zusammen gebrochen und ich konnte niemand mehr erreichen.

Aber: Dodentocht macht es einem wirklich leicht! Los geht's. Der Start. Ich trabe einfach mal mit, obwohl ich innerlich noch immer voll im Anreise-Stress bin. Und ab hier wendet sich das Blatt, denn die Strecke läuft am Ortsausgang am Campingplatz vorbei, wo meine Familie und die von Markus natürlich an der Strecke standen. Also habe ich die gefühlten 2,5 kg Power-Nahrung und seine Start-Karte seiner Frau gegeben und konnte endlich, buchstäblich erleichtert, loslegen.


Hier könnte der Bericht schon fast zu ende sein, denn der Rest war, im Verhältnis zum Anfang, relativ leicht. Aber ich will es trotzdem berichten. Die Strecke führt über kleine und größere Orte durch die Flämische Landschaft. überall, wo Häuser sind, herrschte auf den Straßen ausgelassene Party-Stimmung. Die Leute feierten und die Musik dröhnte je nach Geschmacksrichtung der Gäste weit durch die Nacht. Die Stimmung war genauso gut wie 2004, wo es die ganze Nacht wie aus Eimern geregnet hat, was beweist, dass die Flamen wirklich wetterhart sind und sich so leicht nicht die Laune verderben lassen.

Nach gut einer Stunde führte die Strecke wieder durch Bornem, und auch hier standen unsere Familien mit Kind und Kegel am Rand. Zu meiner Freude hat meine Frau mir gesagt, dass die Übergabe der Sachen an Markus gut geklappt hat, als er nur wenige Minuten nach mir am Campingplatz vorbei gekommen ist.

Und wieder hinein in die Nacht, die Musik von Bornem bleibt zurück und es fängt an, leicht zu nieseln. HA, ich wusste es. Aber dieses Mal bin ich vorbereitet. Ich will nicht wieder zitternd und blau gefroren aufgeben müssen. Diesmal nicht! Ich hohle also meinen bodenlangen Regenmantel raus und jogge in aller Ruhe weiter. Der Regen hat wohl eingesehen, dass er mich heute nicht erschrecken kann und hört nach gut einer Stunde wieder auf ;-)

Das nächste Problem ist nicht ganz so locker zu bewältigen, ich werde nämlich immer müder. Mein ganzer Körper verlangt ein Bett. Jede Faser signalisiert mir, dass ich schon seit Stunden schlafen sollte und droht massiv mit dem toten Punkt. Zweifel kommen in mir hoch, die Schritte werden langsam und die Schultern hängen schon fast bis zum Knie. Noch fast 70 Kilometer zu laufen und noch ewig, bis die Sonne aufgeht. Das wird doch nie was. Die Stunden wollen einfach nicht verrinnen. Wie viele Schritte wohl in eine Stunde passen, die einfach nicht umgehen will?

Aber auch mit dieser Phase habe ich gerechnet, und meinen MP3-Player schon präventiv auf den richtigen Sound eingestellt. Der Himmel ist inzwischen aufgeklart und es zeigen sich die ersten Sterne. Dazwischen sehe ich grade im Moment des größten Zweifels, als ich mir das Ankommen am meisten gewünscht habe, ein paar wirklich wunderbare lange Sternschnuppen! Der Wunsch muss doch einfach wahr werden, denke ich. Und obwohl vor mir immer wieder beeindruckendes Wetterleuchten die Wolkenberge erhellt, hebt sich meine Laune wieder deutlich.



Irgendwann kommt an einer der ewig gleichen Häuserecken ein graues Schild. Für Außenstehende wohl nur ein tristes Pappschild auf Ein mal Zwei Meter Groesse: für mich ein strahlender Punkt der Freude: KM 50! Ich frage jemanden nach der Uhrzeit und bin überrascht, wie früh es noch ist: viertel nach drei. Wer nie um 21:00 Uhr zu einem 100 Kilometer-Lauf gestartet ist, kann unmöglich nach vollziehen, wie man sich freuen kann, zu so einer unmenschlichen Zeit durch die Nacht zu joggen. Wer das schon selber mal gemacht hat, wird es nie vergessen. Jetzt geht's nach hause, die Hälfte ist geschafft.

In meiner Freude wundere ich mich kaum, dass die Pfeile auf dem Boden irgendwie selten geworden sind. Genau genommen habe ich schon seit einiger Zeit keine mehr gesehen. Bis zu dem Schild waren praktisch alle Kreuzungen, Seitenwege und Abzweiger gekennzeichnet, auch dann, wenn es weiter grade aus ging. Das Läuferfeld ist auch so dünn, dass ich vor mir niemanden mehr sehen kann, dem ich nachlaufen könnte. Als ich mich umdrehe, sehe ich allerdings ein paar 100 Meter hinter mir noch die eine oder andere Stirnlame kommen: ich bin also auf dem richtigen weg. Oder doch nicht? Da kommt mir doch glatt eine Lampe mit Läufer dran entgegen? Tatsächlich, er fragt mich erst auf Flämisch und dann auf Englisch, ob ich wüsste, wo die Streck lang geht. Oh oh!

Die von hinten kommenden sind auch nicht wirklich begeistert, als sie hören, dass wir uns alle verlaufen haben. Sorry: lauf mir nicht nach! Nach ein Wenig hin und her kommt noch jemand von hinten. Und der hat eine Karte dabei. Ok, diese Karte hat jeder Starter bekommen. Ok, ich habe gedacht ich brauche sie nicht. Bla bla bla ich weiß. Genug der Kritik: die überwiegend aus der Umgebung stammenden Flamen haben anscheinend alle schon mehrfach den Dodentocht gemacht und sind sich schnell einig, wie wir zurück auf die Strecke kommen. Tatsächlich erreichen wir bald darauf die Palm-Brauerei und sind damit wieder auf dem richtigen Weg.

Ja, hier habe ich 2004 aufgegeben. Ich erkenne die Halle wieder, auch wenn es jetzt noch fast leer ist. Noch ist kaum einer der über 8300 Starter bis hier hin gekommen. Und ich will auch nicht lange bleiben: zwei Becher Wasser getrunken und ab dafür. Irgendwie hatte ich in den vergangenen Jahren manchmal dieses Bild vor Augen. Manchmal beim Training in der Nacht, oder auch beim Einschlafen. Ich sehe mich selber in dieser Halle sitzen, aufgegeben, bis auf die Knochen durchgefroren und ohne ein Fünkchen Kampfgeist. Jetzt bin ich wieder hier. Ich bin hier und hole mich selber ab. Zwei lange Jahre hat irgendwie ein Teil von mir in dieser Halle gewartet, dass es weiter geht. Jetzt ist es soweit; heute Nacht soll mich nichts mehr aufhalten.



Das dieser Punkt des Scheiterns hinter mir liegt, gibt mir Kraft ohne Ende. Der Stecker ist in der Dose und meine Energie ungebrochen. Die Strecke verläuft, im Gegensatz zu 2004, nur zu einem kleinen Teil über Feldwege. Meistens habe ich Beton oder Asphalt unter den Sohlen. Nur dann und wann auf ganz schlechten Stegen gehe ich; ansonsten bin ich immer noch laufend unterwegs. Meine Knie zeigen keinerlei Schwäche und auch sonst geht es mir blendend.

Ich denke an den Rheintal-Ultra, den ich in ähnlichem Tempo gelaufen bin. Nur musste ich da ab km 50 deutlich runterschalten und ab km 60 gehen, weil Muskeln, Sehnen, Bänder und Gelenke fertig waren. Heute nicht. Ich halte die Geschwindigkeit bewusst langsam, um mich nicht vor der Zeit zu verausgaben. Wenn mir zu kalt wird, gebe ich ein Bisschen Gas, wenn ich anfange zu schwitzen, nehme ich etwas raus. Ab und an esse ich einen meiner Riegel, es werden insgesamt vier auf die 100 Kilometer. So komme ich locker vorwärts bis die Sonne aufgeht.

Endlich sehe ich etwas von der Gegend! Die Wiesen sind grün, das Wasser entlang des Deiches, auf dem ich laufe, glänzt und die Vögel zwitschern. Herrlich. Und noch einmal: Dodentocht macht es einem wirklich leicht! Denn mit zunehmender Streckenlänge, werden die Abstände zwischen den Verpflegungsstellen immer kürzer. Das Schild mit der großen 75 liegt auch schon hinter mir und die Kräfte halten immer noch wie durch ein Wunder. Ich laufe wie ein Uhrwerk, immer weiter. Da zwischen Km 68 und dem Ziel nicht weniger als fünf Zeitmess-Stationen sind, sieht man diese Konstanz auch an den Zwischenzeiten: alle bis auf's Komma genau gleich! Na gut, bei Km 70 habe ich mal einen meiner Riegel der Natur widmen müssen. Ok, ich gebe zu: es war hart. Aber jetzt, vier Tage später, erscheint es mir wie ein einziger herrlicher Spaziergang. Ich erinnere mich, dass ich auf den letzten 25 Kilometer nur von einer Hand voll Läufer überholt worden bin, sicher nicht mehr als fünf. Umgekehrt habe ich meinerseits etliche überholt.

Endlich: Bornem! Wie eine Maschine laufe ich am Campingplatz vorbei. Ich überlege kurz, ob ich meine Familie wecken soll, aber ich will JETZT in"s Ziel. Ich laufe wieder durch die Einkaufsstrasse und weiß: gleich hab ich's geschafft. Noch einmal um die Ecke, da steht das Tent endlich vor mir. Noch einmal gescannt werden und dann ist es vorbei: Biep. Ich bekomme einen kleinen Anstecker mit einer "1" drauf: mein erster geschaffter Dodentocht. Außerdem drückt mir eines der Mädchen meine Urkunde mit allen zwölf Zwischenzeiten und der Endzeit von 13:06 brutto in die Hand: Whow, die verstehen was von Datenerfassung!



Ich versuche was zu trinken zu bekommen, stelle mich aber zu dumm an. Jemand hilft mir, und ich sitze mit einer Cola auf einem Stuhl und weine vor Freude vor mich hin. Geschafft! Ich bin restlos glücklich!

Irgendwie schaffe ich dann auch noch den Rückweg zum Wohnwagen, und treffe dabei viele, die ich vorher überholt habe. Ich erkenne manche wieder, applaudiere und feuere an. Dann bin ich da. Küsschen hier und da, Dusche, Gehörstöpsel und Bett.

Gut zwei Stunden später werde ich wieder geweckt: Markus ist da und wir müssen aufbrechen. Glücklicherweise helfen auch beim Abbau wieder genug Hände mit, denn ich könnte kaum den Kinderwagen schieben, von unseren doppelachsigen Wohnwagen ganz zu schweigen.



Fazit: Dodentocht macht es einem wirklich leicht die 100 Kilometer zu schaffen, ich wüsste eigentlich kaum, was da noch zu verbessern wäre. Camping: klasse, Preise: klasse: und Service und Verpflegung sind schlicht umwerfend.